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Autor
Arriaga, Guillermo

Der Wilde

Untertitel
Roman. Aus dem Spanischen von Matthias Strobel
Beschreibung

Juan ist fünfzehn und wächst in einem von Mexiko-Citys vielen namenlosen Vierteln auf. Seine Chancen auf ein besseres Leben standen nie besonders gut. Das weiß er selbst. Doch als kurz hintereinander zuerst sein Bruder und dann die gesamte Familie umkommen, sinnt er auf Rache. Was folgt, ist eine Art makabrer Road Trip durch die schwärzesten Tiefen der menschlichen Seele.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Klett-Cotta Verlag, 2018
Format
Gebunden
Seiten
746 Seiten
ISBN/EAN
978-3-608-96177-5
Preis
26,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Guillermo Arriaga, geboren 1958 in Mexiko-Stadt, gehört zu den bedeutendsten Drehbuch- und Buchautoren der Gegenwart. Von ihm stammen die Drehbücher zu der mit mehreren Oscars ausgezeichneten Filmtrilogie Amores Perros, 21 Gramm und Babel. Neben seinen Drehbüchern hat er bislang drei Romane und einen Kurzgeschichtenband veröffentlicht; dieser neue, hier vorliegende Roman markiert einen Höhepunkt in Arriagas Werk.

Zum Buch:

24 Pesos legt er seinem Biologielehrer in die Hand. Dafür bekommt er ein Mayonnaiseglas, in dem ein walnussgroßer Embryo schwimmt, und dieser Embryo wiederum erinnert ihn an seinen totgeborenen Zwillingsbruder, für dessen Sterben er sich insgeheim verantwortlich fühlt.

Sein anderer Bruder, Carlos, ist ein Kleinkrimineller, stellt in ihrem Viertel in Mexiko-City aber keine recht große Nummer dar, doch er liest Kant und Zola, und für ihn häutet er Chinchillas, nimmt sie aus und hängt die Felle anschließend zum Trocknen auf. Carlos verdient gutes Geld mit den Tieren, und da er mehrere Jugendliche für die Aufzucht bezahlt, stören sich die Leute auch nicht so sehr an dem Gestank, der an drückenden Tagen wie eine Dunstglocke über dem Gassengewirr hängt.

Erste Erfahrungen mit Mädchen hat er bereits gesammelt, aber das behält er für sich, weil Carlos und seine Freunde sonst über ihn lachen würden.

Man könnte also meinen, in einer Großstadt wie dieser verliefe Juan Guillermos fünfzehnjähriges Leben in völlig normalen Bahnen – abgesehen vielleicht von dem Mayonnaiseglas mit dem Embryo –, doch dann ändert sich plötzlich alles, und auf einen Schlag beginnt Juans Welt zu taumeln und gerät schließlich völlig aus der Bahn: Ihm droht der Rausschmiss aus der Schule, weil er mit einem Mädchen beim einvernehmlichen Fummeln erwischt worden ist. Das Mädchen ist weiß, und damit ist die Sache erledigt. Carlos, der mit dem Geld für die Chinchillas seine Karriere als Drogendealer vorantreibt, wird von einer Bande, die man nur „Die guten Jungs“ nennt, ermordet. Juan glaubt fälschlicherweise, er hätte das verhindern können, und sinnt nun auf Rache. Seine Großmutter stirbt vor dem Fernseher, während sie eine ihrer geliebten Telenovas schaut, und keiner merkt es. Und zu allem Überfluss befinden sich seine Eltern gerade auf einer Reise quer durch Europa, für die sie ihr halbes Leben lang gespart haben, und noch vor Ablauf einer Woche werden sie einen Unfall erleben, den sie in ihrer Verzweiflung vielleicht selbst herbeigeführt haben.

Juan, der nicht so recht weiß, was er mit sich und der Wut im Bauch anfangen, wie er seinen Rachegefühlen Raum geben soll, ist zunächst auf sich alleine gestellt – bis er auf die ebenso schöne wie unerschrockene Chelo trifft. Und auf einen Wolfshund, vor dem sich jeder im Viertel in die Hosen macht und dessen Geschichte vor langer Zeit und irgendwo hoch im eisigen Norden begann.

Der Drehbuchautor Guillermo Arriaga hat mit Der Wilde einen Roman geschrieben, der von der ersten Seite an eine enorme Sogwirkung auf den Leser ausübt und ihn über die stramme Länge von knapp 750 Seiten förmlich mitzerrt. Es sind die wie aus dem Leben gerissenen Charaktere, die das möglich machen; es sind die schnellen Dialoge, die den Wunsch zum Weiterlesen befeuern, und nicht zuletzt ist es die Story selbst (wobei der Roman eigentlich aus zwei Geschichten besteht), die so voller Feinheiten und Finessen steckt, dass man Arriagas Lust am Schreiben geradezu spüren kann. Der Wilde lässt tief in die Abgründe der menschlichen Seele blicken, und trotzdem findet der Leser hier und dort eine Handvoll Trost und Zuversicht, wie ein Sonnenstrahl, der diese Düsternis zu erhellen versucht. Mitunter reizt die bitterböse Komik wenn schon nicht zum Lachen, dann doch zum Schmunzeln, aber natürlich ist Der Wilde kein Buch für allzu zart besaitete Gemüter, aber das versteht wohl jeder, der den Klappentext gelesen hat. Was aber auch nicht schlimm ist. Gibt ja noch andere schöne Bücher.

Axel Vits, Der andere Buchalden, Köln