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Autor
Baldwin, James

Beale Street Blues

Untertitel
Aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow
Beschreibung

Tish und Fonny lieben sich, seitdem die sechsjährige Tish dem drei Jahre älteren Fonny in der Schule einen Stock über den Kopf gehauen hat. Seitdem sind sie unzertrennlich, und Fonny ist bei Tishs Familie bald mehr zu Hause als in seiner eigenen. Zwar versteht er sich gut mit seinem Vater, aber Mutter und Schwestern nerven. Denn die Frauen der Familie sind deutlich hellhäutiger als der schwarze Fonny, und das lassen sie ihn spüren, können doch im Harlem der sechziger und siebziger Jahre leichte Schattierungen der Hauptfarbe immer noch eine große Rolle für das Selbstwertgefühl spielen. Auf solche Einstellungen blicken Tish und ihre Familie mit Verachtung. Sie sind sich des inhärenten Rassismus der amerikanischen Gesellschaft bewusst und wissen, das nur eins sie retten kann: der liebevolle Zusammenhalt der Familie und Freunde.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
dtv Verlagsgesellschaft, 2019
Format
Gebunden
Seiten
220 Seiten
ISBN/EAN
9783423289870
Preis
20,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

James Baldwin (1924-1987) in New York geboren, war und ist vieles: ein verehrter, vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und eine Ikone der Gleichberechtigung aller Menschen, ungeachtet ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Herkunftsmilieus. Er war der erste schwarze Künstler auf einem Cover des ›Time Magazine‹. Baldwin starb 1987 in Südfrankreich.

Zum Buch:

Tish und Fonny lieben sich, seitdem die sechsjährige Tish dem drei Jahre älteren Fonny in der Schule einen Stock über den Kopf gehauen und der ihr daraufhin in den Mund gespuckt hat. Auch so können Liebesgeschichten anfangen. Seitdem sind sie unzertrennlich, und Fonny ist bei Tishs Familie bald mehr zu Hause als in seiner eigenen. Zwar versteht er sich gut mit seinem Vater, aber Mutter und Schwestern nerven mit ihrer religiösen Heuchelei und ihrer Schönheitspflege. Denn die Frauen der Familie sind deutlich hellhäutiger als der schwarze Fonny, und das lassen sie ihn spüren, können doch im Harlem der sechziger und siebziger Jahre leichte Schattierungen der Hauptfarbe immer noch eine große Rolle für das Selbstwertgefühl spielen. Auf solche Einstellungen blicken Tish und ihre Familie mit Verachtung. Sie sind sich des inhärenten Rassismus der amerikanischen Gesellschaft bewusst und wissen, das nur eins sie retten kann: der liebevolle Zusammenhalt der Familie und Freunde. Als Fonny dann – fälschlich – der Vergewaltigung einer jungen Puertoricanerin beschuldigt wird und ins Gefängnis kommt, sind er und seine von ihm schwangere Freundin genau darauf angewiesen: dass die Familie ihnen beisteht und alles tut, um ihn aus dem Knast zu holen.

Erzählt wird die Geschichte vom Kampf um Fonnys Freiheit und Leben von Tish in einer herrlich schnoddrigen und erschütternd klaren Sprache. Tish hat einen scharfen Blick für die wahren Verhältnisse: „Die Kinder kriegen eingetrichtert, dass sie einen Dreck wert sind, und alles, was sie um sich herum sehen, ist der Beweis dafür. Sie kämpfen und kämpfen, aber sterben wie die Fliegen und begegnen sich dann auf dem Müllhaufen ihres Lebens, wie die Fliegen.“ Dasselbe gilt für ihre Mutter, die das Geld der Familie zusammenkratzt, um nach Puerto Rico zu fahren, wo sie die vergewaltigte junge Frau dazu bewegen will, ihre Aussage zu ändern, und sich mit einem bislang unvorstellbaren Elend konfrontiert sieht: „Ich kann kein Spanisch, und sie können kein Englisch. Aber wir hocken auf der gleichen Müllhalde. Aus dem gleichen Grund. Wer auch immer Amerika entdeckt hat, der hat es verdient, in Ketten nach Hause geschleift zu werden und da zu sterben.“

Solche Sätze wirken wie ein Schlag ins Gesicht, und das tun nicht nur die Sätze, das tut das ganze Buch. Beale Street Blues ist eine einzige zornige Anklage, aber es ist auch weit mehr als das: eine unglaublich berührende Liebesgeschichte, eine ergreifende Hymne auf die Kraft der Solidarität und der Menschlichkeit und dazu eine verstörend aktuelle Studie über Rassismus und Ausgrenzung. Denn auch wenn man dem Buch an vielen Stellen anmerkt, dass es vor fast fünfzig Jahren entstanden ist, könnte es heute spielen, in Europa genauso wie in Amerika.

Beale Street Blues, der letzte Roman Baldwins, unterstreicht noch mehr als Von dieser Welt, seinem Erstling, wie wichtig die Wiederentdeckung dieses Autors ist, der so lange fast vergessen war und nun in Miriam Mandelkows großartiger Übersetzung wieder zugänglich ist. Wer unsere heutige Welt verstehen will, muss ihn unbedingt lesen. Und natürlich Louis Armstrong und Ella Fitzgerald dazu hören, denn das Buch ist nicht zuletzt eins: die Übertragung der Musik des Blues in die Literatur. Und allein das macht es schon zu einem großen Wunder.

Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main