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Autor
Dinić , Marko

Die guten Tage

Untertitel
Roman
Beschreibung

Wir kennen das Granteln und Schimpfen österreichischer Autoren, das ebenso wie ihre Liebe zum Morbiden und Wahnsinnigen die Leser*innen immer wieder aufs Neue beglückt. Mit Marko Dinić haben wir solch einen Grantler vor uns – und dennoch wäre der Ton seines Romans falsch beschrieben, würde man es nur dabei bewenden lassen. Denn Die guten Tage, wie der Titel des Romans lautet, sind vor allem ein ernsthaft-wütendes Pamphlet gegen die jugoslawische Vergangenheit und die eigene Kindheit, gegen die Welt der Väter, die bis in die serbische Gegenwart wirkt.

Nach diesem Debüt von Marko Dinić hofft man, in Zukunft noch mehr von ihm lesen zu dürfen.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Zsolnay Verlag, 2019
Format
Gebunden
Seiten
240 Seiten
ISBN/EAN
978-3-552-05911-5
Preis
22,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Marko Dinić wurde 1988 in Wien geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend in Belgrad. Er studierte in Salzburg Germanistik und Jüdische Kulturgeschichte. Die guten Tage ist sein erster Roman.

Zum Buch:

Wir kennen das Granteln und Schimpfen österreichischer Autoren, das ebenso wie ihre Liebe zum Morbiden und Wahnsinnigen die Leser*innen immer wieder aufs Neue beglückt. Mit Marko Dinić haben wir solch einen Grantler vor uns – und dennoch wäre der Ton seines Romans falsch beschrieben, würde man es nur dabei bewenden lassen. Denn Die guten Tage, wie der Titel des Romans lautet, sind vor allem ein ernsthaft-wütendes Pamphlet gegen die jugoslawische Vergangenheit und die eigene Kindheit, gegen die Welt der Väter, die bis in die serbische Gegenwart wirkt. Vorgetragen in der Perspektive eines namenlosen Ich-Erzählers, fahren wir aus der wienerischen Diaspora mit dem Bus, dem „Gastarbeiterexpress“ oder „Euroliner“ von Wien nach Belgrad. Anlass ist das Begräbnis der Großmutter.

Es ist die erste Reise des heute Mittzwanzigers in seine Heimat seit seiner Flucht. Und von der ersten Seite des Romans an ist klar, dass Familie und Heimat keine sicheren Häfen sind, in die man einfach so zurückkehren kann. Die guten Tage gab es nicht, die guten Tage müssen erkämpft werden.

Während sich der Bus gleichmütig und stetig dem Ziel seiner Reise nähert, sitzt der Ich-Erzähler eingeklemmt zwischen Fenster und Sitznachbarn. Wie Schauspieler bringen die Mitreisenden auf der zum Bus geschrumpften Bühne all die Bilder zur Aufführung, die der Erzähler – und mit ihm auch die gesamte westliche Welt – sich von der Heimat gemacht hat: Bilder vom schlagenden Vater, von der den schlagenden Vater „hinterfotzig“ unterstützenden Mutter, von dem schnapstrinkenden, grölenden Nationalisten, der die Vergangenheit mitsamt Slobodan Milošević hochleben lässt.

Es ist das Spannende an diesem Roman, dass der Ich-Erzähler neben der dem westlichen Leser bekannten Perspektive auch eine Diaspora-Perspektive einnehmen kann. Denn bei allem Hass auf die Heimat macht er sich – nicht ganz freiwillig – auch auf die Suche nach den guten Tagen und kann, angekommen in der Peripherie Belgrads, dem Ort seiner Kindheit, nun aus der Perspektive dessen berichten, die wiederum nur jemand einnehmen kann, der dort aufgewachsen ist. Auf seinen Spaziergängen an die Orte seiner Kindheit und Jugend versucht er, das familiäre und gesellschaftliche Zusammenleben in der Vergangenheit zu begreifen und muss dabei ebenso wie wir fassungslos feststellen, wie unglaublich nah die Kriegsgräuel auf dem Balkan waren und wie auch wir mitten darin aufwuchsen und bis heute davon geprägt sind.

Zur europäischen Erinnerungskultur gehört auch der Balkan, und Europa muss dringend gemeinsam mit Autoren wie Dinić für die „guten Tage“ kämpfen, auch in diesen Regionen. Es gäbe so viele Pakte, für die man an den Schulen Geld ausgeben möchte – digital können die Schüler, aber können sie auch Osteuropa? Und wir? Österreich und seine Autoren waren dafür schon immer ein Brückenkopf, und nach diesem Debüt von Marko Dinić hofft man, in Zukunft noch mehr von ihm lesen zu dürfen.

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt