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Autor
Giono, Jean

Ein Mensch allein

Untertitel
Roman. Aus dem Französischen von Caroline Vollmann
Beschreibung

Der Winter 1843 bricht über das kleine französische Bergdorf mit ungewöhnlicher Härte herein. Schneemassen gehen nieder, Stunde um Stunde, die Landschaft verschwindet, Oben und Unten beginnen ineinander zu fließen. Gäbe es die Schwerkraft nicht, die Orientierungslosigkeit wäre perfekt. In diesem ewigen Weiß, dass nur für wenige Stunden am Tag von einem spärlichen Licht erhellt wird, verschwindet plötzlich Marie Chazottes.

Ein Mensch allein besteht aus drei lose miteinander verbundenen Erzählungen, die jeweils drei Genres bedienen: Kriminal–, Abenteuer- und Gesellschaftsliteratur. Die Klammer, die die drei Teile des Romans auf inhaltlicher Ebene zusammenhält, ist die Erfahrung der existenziellen Einsamkeit eines Menschen, der der Welt und ihren Zerstreuungen gegenüber fremd bleibt. Damit wird das Buch zu einer sprachlich brillanten Reflexion über den Sinn und die Absurdität des Daseins und empfiehlt sich auf Grund der Sprache Gionos. Im Plauderton wird das Leben in der französischen Provinz geschildert, was nicht ohne derbe Komik, schwarzen Humor und genussvolle Abschweifung in die Historie des Dorfes abgeht, und für die Beschreibung der schroffen Schönheit der Landschaft der Rhône-Alpes werden Bilder beschworen, die unweigerlich haften bleiben.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
AB - Die Andere Bibliothek, 2018
Format
Gebunden
Seiten
288 Seiten
ISBN/EAN
9783847704089
Preis
42,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Jean Giono (1895-1970) kehrte als Pazifist aus dem Soldatendienst im Ersten Weltkrieg zurück in seinen Heimatort. Sein Romandebüt 1930 brachte ihm augenblicklichen Erfolg und die Anerkennung seiner Schriftstellerkollegen ein. Er entdeckte Herman Melville für Frankreich und übersetzte dessen Moby Dick – nicht zuletzt die Aufnahme in die Académie Goncourt und in die Ehrenlegion zeugen von seiner Stellung im literarischen Frankreich, die er bis heute einnimmt.

Zum Buch:

Der Winter 1843 bricht über das kleine französische Bergdorf mit ungewöhnlicher Härte herein. Schneemassen gehen nieder, Stunde um Stunde, die Landschaft verschwindet, Oben und Unten beginnen ineinander zu fließen. Gäbe es die Schwerkraft nicht, die Orientierungslosigkeit wäre perfekt. In diesem ewigen Weiß, dass nur für wenige Stunden am Tag von einem spärlichen Licht erhellt wird, verschwindet plötzlich Marie Chazottes. Man ist sich sicher, dass etwas Furchtbares im Gange ist. Die mutigsten Männer der kleinen Dorfgemeinschaft machen sich auf die Suche nach der Vermissten, finden jedoch nichts als Fußspuren im Schnee, die sich kurz unter dem Gipfel des nahen Hausberges im Nichts verlieren. Dann folgt eine grausige Entdeckung, die den Teufel selbst, der bis dahin für das Verschwinden der Chazottes verantwortlich gemacht wurde, als durch und durch menschliches Wesen entlarvt. Nachdem der Übeltäter in einem Schweinestall Ferkeln tiefe Hautschnitte zugefügt hatte – dem Anschein nach mit dem größten Vergnügen –, wird er überrascht und angeschossen, kann jedoch entkommen. Ängstlich zieht man sich in der Folge in die steinernen Häuser zurück, verbarrikadiert Tür, Tor und Fenster und harrt des Endes des Winters, der natürlichen Befreiung aus der weißen Hölle. Und die kommt schließlich, und mit dem Frühling, dem Sommer, dem Licht und der wiedergewonnen Weite verblasst die Erinnerung an die Chazottes, von der es immer noch keine Spur gibt, verschwimmt die Erinnerung an die angeritzten Ferkel, diese äußerste Brutalität. Als der Winter kommt, setzt das rätselhafte Verschwinden wieder ein. Der mutigste und stärkste, der wackerste unter den Dorfbewohnern ist wie vom Erdboden verschluckt. Verzweifelt beschließt man, Hilfe im nahen Clelles zu holen.Und so kommt schließlich Langlois, der altgediente Soldat und Hauptmann der Polizei, ins Dorf, um dem grausigen Treiben ein Ende zu bereiten.

Der erste der drei Teile, aus denen sich Gionos Buch Ein Mensch allein zusammensetzt, ist ein atmosphärisch starker Krimi, der die Figur des Hauptmanns Langlois einführt. Mit scharfem Verstand und fast übernatürlicher Gemütsruhe löst er das Rätsel um die Verschwundenen, nähert sich dabei den Bewohnern an und beschließt schließlich, nach seinem Abschied aus dem Polizeidienst in das Dorf überzusiedeln. Die Dorfgemeinschaft ist begeistert, den Helden in ihrer Mitte zu wissen. Gleichzeitig stehen sie dem etwas hölzernen und immer seltsam fremd bleibenden Langlois ratlos gegenüber. Rätselhaft ist er, der sich im zweiten Teil des Buches als Kommandant der Wolfsjagd hervortut und dem reißenden Wolf, der den ganzen Landstrich tyrannisiert, mit Geschick und List den Garaus macht. Und die befremdliche Unnahbarkeit löst sich im dritten Teil, der sich – ganz Gesellschaftsroman – der Suche nach einer geeigneten Ehefrau für Langlois widmet, in einem Gefühl auf, das nie konkret benannt wird, das kristalliner aber kaum beschrieben werden könnte: Existenzielle Einsamkeit.

Ein Mensch allein besteht aus drei lose miteinander verbundenen Erzählungen, die jeweils drei Genres bedienen: Kriminal–, Abenteuer- und Gesellschaftsliteratur. Drei Teile, die – auf den ersten Blick – disparat nebeneinander stehen, zusammengehalten bloß von der Biographie eines Mannes, dessen Bild undeutlich und schemenhaft bleibt. Die Figur des Langlois ist verschlossen, wird einzig durch die Reaktionen und Beschreibungen ihres Umfeldes, quasi als Negativform, herausgearbeitet – konsequenterweise. Denn so sehr sich die drei Teile des Buches auch inhaltlich voneinander abzusetzen scheinen, so schildern sie doch einen Zustand, den Giono mit einem Zitat Blaise Pascals am Ende des Romans verdeutlicht: „Ein König ohne Zerstreuung ist ein Mensch voller Elend.“ Die Klammer, die die drei Teile des Romans auf inhaltlicher Ebene zusammenhält, ist also die Erfahrung der existenziellen Einsamkeit eines Menschen, der der Welt und ihren Zerstreuungen gegenüber fremd bleibt. Damit wird das Buch zu einer sprachlich brillanten Reflexion über den Sinn und die Absurdität des Daseins.

Nicht zuletzt empfiehlt sich die Lektüre dieses Buches auch auf Grund der Sprache Gionos. Im Plauderton wird das Leben in der französischen Provinz geschildert, was nicht ohne derbe Komik, schwarzen Humor und genussvolle Abschweifung in die Historie des Dorfes abgeht, und für die Beschreibung der schroffen Schönheit der Landschaft der Rhône-Alpes, werden Bilder beschworen, die unweigerlich haften bleiben. Ein Mensch allein ist ein Buch, das Zeit braucht, weil es sich Zeit zum Erzählen nimmt und weil es subtil große Themen verhandelt, die einen gewissen Raum verlangen. Ein sprachlich gewandtes Triptychon der Einsamkeit in bestechenden, ja, bedrückenden Bildern. Große Literatur!

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt