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Unsere Seelen bei Nacht

Autor
Haruf, Kent

Unsere Seelen bei Nacht

Untertitel
Roman. Aus dem Amerikanischen von Pociao
Beschreibung

Holt, eine Kleinstadt in Colorado. Eines Tages klingelt Addie, eine Witwe von 70 Jahren, bei ihrem Nachbarn Louis, der seit dem Tod seiner Frau ebenfalls allein lebt. Sie macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: Ob er nicht ab und zu bei ihr übernachten möchte? Louis lässt sich darauf ein. Und so liegen sie Nacht für Nacht nebeneinander und erzählen sich ihr Leben. Doch ihre Beziehung weckt in dem Städtchen Argwohn und Missgunst.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Diogenes Verlag, 2017
Seiten
208
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-257-06986-0
Preis
20,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Kent Haruf (1943–2014) war ein amerikanischer Schriftsteller. Alle seine sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado. Er wurde unter anderem mit dem Whiting Foundation Writers’ Award, dem Mountains & Plains Booksellers Award und dem Wallace Stegner Award ausgezeichnet. Unsere Seelen bei Nacht ist sein letzter Roman, den er kurz vor seinem Tod beendete.

Zum Buch:

Addie und Louis beginnen eine ungewöhnliche Liaison. Sie möchten der Einsamkeit der Nächte gemeinsam entfliehen. Beide sind verwitwet und leben schon lange in guter Nachbarschaft. Warum also nicht ein wenig näher rücken? Addie, von der die Initiative ausgeht, hat sich das wohl überlegt. Sie möchte die langen, einsamen Nächte, in denen der Schlaf nicht kommen will und das Grübeln zu viel Raum einnimmt, nicht länger alleine verbringen. So macht sie den mutigen Schritt und „überfällt“ ihren sympathischen, nicht wenig überraschten Nachbarn mit ihrem außergewöhnlichen Angebot. Sex soll dabei (erstmal?) keine Rolle spielen. Wird diese Art von Gentlemen Agreement funktionieren?

Anfangs fühlt sich Louis sehr unwohl in seiner Haut und schleicht sich scheu zur Hintertür hinein, wenn es dunkel wird. Aber nach und nach werden seine Besuche bei der Nachbarin zu einem gewohnten Ritual. Ein gemeinsames Abendessen mit Wein oder Bier, der Badbesuch vor dem Zubettgehen, die Unterhaltungen im Dunkeln, das beruhigende Wissen, jemanden neben sich zu haben, gefällt beiden.

Nachbarn und Freunde beäugen Louis‘ abendliches Wandeln zunächst recht kritisch. Aber die beiden sehen über die schlüpfrigen Bemerkungen und Spekulationen ihrer prüden Mitbürger gelassen hinweg. Problematisch wird es, als Jamie, Addies kleiner Enkel, vorübergehend bei ihr einziehen muss. Seine Eltern haben sich getrennt. Die Zweisamkeit von Addie und Louis scheint gestört, doch die beiden schaffen es, Jamie in ihr Leben zu integrieren. Besonders Louis, der früher einmal Lehrer war, zeigt dem verstörten Jungen mit viel Einfühlungsvermögen Wege aus seinen Ängsten und hilft ihm, selbstbewusster zu werden. Ein Hund aus dem Tierheim macht das Miteinanderleben der drei perfekt. Doch ausgerechnet jetzt wird diese Idylle vehement gestört.

Addies Sohn mokiert sich über die „unmoralischen Lebensumstände“, in denen sein Sohn angeblich lebt, und legt seiner Mutter nahe, die „sündige Beziehung“ zu beenden. Wird Addie zugunsten der alten Familienbande auf ihr gerade begonnenes, persönliches Glück verzichten?

Ein sanft geschriebenes Buch, das aber viel Explosionsstoff birgt. Man fiebert bis zum Schluss mit den beiden Protagonisten mit und wünscht Ihnen von Herzen, dass sie sich ihr kleines Stück vom Glück nicht nehmen lassen. Darf man nach einem langen Leben und nach vielen Schicksalsschlägen endlich ein selbstbestimmtes Leben führen? Oder ist man auch dann noch verdammt dazu, sich gesellschaftlichen Moralvorstellungen zu beugen? Das Buch macht sehr nachdenklich.

Brigitte Hort, Eitorf