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Hochamt in Neapel

Autor
Lahr, Stefan von der

Hochamt in Neapel

Untertitel
Kriminalroman
Beschreibung

Es ist eher unwahrscheinlich dass ein Plot funktioniert, in dem ein paar katholische Geistliche auf der Suche nach dem Sarkophag Alexanders des Großen einer nuklearen Umweltsauerei auf die Schliche kommen, die nicht nur mit der Camorra zu tun hat, sondern auch mit dem russischen Präsidenten. Wenn dann auch noch gleich zwei scharfsinnige Kommissare mit Autoritätsproblemen und eine amerikanische Altertumswissenschaftlerin dazugesellt werden, wird es geradezu krude.

Aber dann kommt Stefan von der Lahr, von Haus aus Lektor im C.H. Beck Verlag und promovierter Althistoriker, und arrangiert aus exakt diesen Ingredienzien mit Finesse und Lust am fulminanten Crescendo ein Krimispektakel, das aufs ganz Große zielt und voll ins Schwarze trifft. Dass sowas in Post-Dan-Brown-Zeiten noch möglich ist – wer hätte es gedacht?
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Verlag C.H.Beck , 2019
Seiten
365
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-406-73133-4
Preis
19,95 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Stefan von der Lahr, geboren 1958, ist promovierter Althistoriker und arbeitet seit über einem Vierteljahrhundert als Lektor im Verlag C.H.Beck. 2015 erschien sein Kriminalroman “Das Grab der Jungfrau”.

Zum Buch:

Es ist eher unwahrscheinlich dass ein Plot funktioniert, in dem ein paar katholische Geistliche auf der Suche nach dem Sarkophag Alexanders des Großen einer nuklearen Umweltsauerei auf die Schliche kommen, die nicht nur mit der Camorra zu tun hat, sondern auch mit dem russischen Präsidenten. Wenn dann auch noch gleich zwei scharfsinnige Kommissare mit Autoritätsproblemen und eine amerikanische Altertumswissenschaftlerin dazugesellt werden, wird es geradezu krude. Zu viel gewollt, inhaltlicher Schiffbruch an den ehernen Klippen der Glaubwürdigkeit. Jede Schublade, für die ein solches Hirngespinst von Werk geschrieben wurde, kann einem im Voraus leidtun.

Aber dann kommt Stefan von der Lahr, von Haus aus Lektor im C.H. Beck Verlag und promovierter Althistoriker, und arrangiert aus exakt diesen Ingredienzien mit Finesse und Lust am fulminanten Crescendo ein Krimispektakel, das aufs ganz Große zielt und voll ins Schwarze trifft. Dass sowas in Post-Dan-Brown-Zeiten noch möglich ist – wer hätte es gedacht?

Alles beginnt, sagen wir: genreüblich, im glutheißen Rom. Ein Mann wird gleich mehrmals überfahren, der Mörder selbst kommt bei der folgenden spektakulären Verfolgungsjagd ums Leben. Nach den ersten Ermittlungen wird schnell klar: Die Camorra hat den mordlustigen Raser engagiert, um zu verhindern, dass eines ihrer Geschäfte, nein, das Bombengeschäft überhaupt, auffliegt. Der überfahrene Zollbeamte ist das erste einer Reihe von Opfern, die die Mafia über die Klinge springen lässt. Und die verzweifelten Bemühungen Kommissar Bariellos, Licht ins Dunkel zu bringen, werden von höchster Stelle manipuliert.

Schnitt, Stadtwechsel, Neapel.

Im Diözesanarchiv der Stadt stößt die jung-dynamische Althistorikerin Jackey Napoletano auf eine Unregelmäßigkeit: Die Korrespondenz von Kardinal Sersale ist unauffindbar. Mithilfe ihres Vorgesetzten, Weihbischof Montebello, und dessen Privatsekretär Padre Luis stößt sie schließlich auf den verschollenen Briefwechsel und gleich noch auf einen mysteriösen Brief von Johann Joachim Winckelmann, dem Nestor der wissenschaftlichen Archäologie. Darin: Andeutungen, dass sich der Sarg Alexander des Großen in Neapel befinde. Grund: Kardinal Sersale ist scharf auf das Papstamt und braucht dafür die Unterstützung des Habsburger Kaiserhauses – der Sarkophag des berühmten Makedonen ist da natürlich ein probates Mittel, um sich die Unterstützung Wiens einzukaufen. Mittelsmann für dieses Geschäft: Johann Joachim Winckelmann.

Die drei sind also einer historischen Sauerei erster Güte auf die Spur gekommen, die fulminanter und folgenreicher kaum sein könnte. Umgehend machen sich die geschichtsbeflissenen Vatikanbeschäftigten auf die Suche nach dem mythischen Sarkophag und geraten dabei nur allzu schnell in ein Gewirr aus mafiösen Strukturen, korrupten Kirchenmännern und finsteren Wohltätigkeitsorganisationen, die eigentlich so gar nichts von Wohltätigkeit halten.

Der Plot um die Suche nach dem Sarkophag und die Aufklärung der Morde in Rom und Neapel verlaufen zunächst parallell und sind episodisch gegeneinander geschnitten. Dramaturgisch fein gemacht, geht das Konzept in bester Fernsehserienmanier auf: Die Story reizt zum Binge-Reading. Denn zum einen entspinnt sich da eine hochtourige Mafia-Story, die bis in die höchsten Ämter und aufs internationale Parkett führt. Und zum anderen läuft da zeitgleich eine formidable Abenteuergeschichte ab, die so geschickt aus historischen Fakten zusammengesetzt ist, dass auch bei der unausweichlichen Kann-das-denn-wirklich-so-gewesen-sein-Recherche die Plausibilität kaum leidet. Die Frage, wie um alles in der Welt der Autor die verschiedenen Handlungsebenen zusammenführen will, stellt sich während des Lesens immer drängender. Die Lösung die von der Lahr für diese erzählerische Herausforderung findet, mag – zugegeben – ein My zu gewaltig sein, ist aber erfrischend originell.

Darüber hinaus wartet Hochamt mit einer Sprache auf, die wohl eher genreuntypisch ist: Flüssig und stilistisch stark wird erzählt, was in Neapel und Rom gerade passiert, und auch die locker eingeflochtenen italienischen Begriffe, die archäologischen und historischen Fachtermini steigern noch den Lesegenuss, weil sie – den Erzählkünsten des offensichtlich blitzgescheiten Autors sei Dank – Lust machen, sich mit der Stadtgeschichte Neapels, Alexander dem Großen, der Kirchengeschichte, Johann Joachim Winckelmann etc., etc., weiter auseinanderzusetzen.

Vergnügen macht das Buch, das von der Lahr da geschrieben hat, weil es überaus spannend und lehrreich daherkommt. Exquisiter Krimistoff auf höchstem Niveau – Dan Brown kann in München in die Lehre gehen. Chapeau!

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt