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Das Leben des Vernon Subutex

Autor
Despentes, Virginie

Das Leben des Vernon Subutex

Untertitel
Roman. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Beschreibung

Wer bezeichnet sich selbst schon gern als Verlierer, wo wir doch dank all der Selbstoptimierungsratgeber, wohlgemeinten Zeitschriftenartikel und Psychoangeboten wissen, dass wir alles selbst in der Hand haben oder doch zumindest haben müssten und könnten, wenn wir nur wirklich wollten? Vernon Subutex jedenfalls nicht, er ist der Held in Virginie Despentes Roman über Das Leben des Vernon Subutex.

Mit diesem Helden nimmt Virginie Despentes nicht nur das soziale Miteinander des 21. Jahrhunderts in den Blick, sondern auch die unendliche Scham, die es bedeutet, in unseren so offenen Gesellschaften mit ihren unendlichen Möglichkeiten zu den Verlierern zu gehören. Das ist nicht nur ein überaus aufschlussreicher Blick auf unsere Gesellschaft, Virginie Despentes distanzierter und schnoddriger Erzählstil ist darüber hinaus eine ungemeine Wohltat für dieses Thema, das in Moral hätte ertränkt werden können.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2017
Seiten
400
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-462-04882-7
Preis
22,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Virginie Despentes, geboren 1969, wurde bereits mit ihrem Debütroman »Baise-moi – Fick mich« (2002), der in Frankreich verfilmt wurde, einem großen Publikum bekannt. Seither hat sie mehrere Romane veröffentlicht. Für »Apocalypse Baby« erhielt sie 2010 den renommierten Prix Renaudot, ihr Roman »Vernon Subutex« wurde u.a. mit dem Prix Anaïs Nin ausgezeichnet. Seit Erscheinen der Subutex-Trilogie zählt sie zu den wichtigsten Schriftstellerinnen Frankreichs und wurde im Januar 2016 in die Académie Goncourt gewählt.

Zum Buch:

Wer bezeichnet sich selbst schon gern als Verlierer, wo wir doch dank all der Selbstoptimierungsratgeber, wohlgemeinten Zeitschriftenartikel und Psychoangeboten wissen, dass wir alles selbst in der Hand haben oder doch zumindest haben müssten und könnten, wenn wir nur wirklich wollten? Vernon Subutex jedenfalls nicht, er ist der Held in Virginie Despentes zur Buchmesse übersetzten, bereits 2015 in Frankreich erschienenem Roman über Das Leben des Vernon Subutex. Und doch ist er ein Verlierer der Globalisierung.

Die Pleite seines Plattenladens, mit dem er sich nicht nur jahrzehntelang über Wasser halten, sondern auch genau das Leben führen konnte, das er wollte – Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll –, ist der Anfang seines sozialen Abstiegs. Gleich auf den ersten Seiten des Romans verliert er auch noch seine Wohnung.

Was Despentes auf etwa 400 Seiten schildert, ist eine Studie des sozialen Miteinanders, der Freundschaftsbeziehungen und des individuellen Selbstverständnisses, denn Vernon Subutex würde wohl kaum von sich behaupten, in einer prekären Lage zu stecken. Und so ist die Geschichte, die er seinen Freunden erzählt, nicht nur eine, die es ihnen erleichtert, ihm zu helfen, es ist zugleich eine, die ihm selbst sein Schicksal erträglicher macht. Es ist die Geschichte eines in Kanada erfolgreichen Vernon Subutex, glücklich und unkompliziert liiert wie eh und je. Die Zeit scheint stehengeblieben, in Paris ist er nur auf der Durchreise.

So hangelt sich Vernon Subutex von Freund zu Freund, von Exfreundin zu Exfreundin, von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob, er hütet Häuser und Hunde, macht den Reichen die Party – ein ganzes Panorama der Gesellschaft mit allen aktuellen Debatten wird entworfen –, bis er schließlich ein weiteres Mal abserviert wird. Vernon Subutex landet auf der Straße. Und auch da scheint er noch immer nicht wahrhaben zu wollen, dass sich an seinem Körper vollzieht, was bisher nur als Zeitungsnachricht oder News via Fernsehen oder Internet zu ihm gedrungen ist: rechte Gewalt, Anpöbeleien, Armut, Hunger.

Vernon Subutex ist kein Charakter zum Verlieben, nicht mal als Freund hätte man ihn gern, aber Virginie Despentes nimmt auf diese Weise nicht nur das soziale Miteinander des 21. Jahrhunderts in den Blick, sondern auch die unendliche Scham, die es bedeutet, in unseren so offenen Gesellschaften mit ihren unendlichen Möglichkeiten zu den Verlierern zu gehören. Das ist nicht nur ein überaus aufschlussreicher Blick auf unsere Gesellschaft, Virginie Despentes distanzierter und schnoddriger Erzählstil ist darüber hinaus eine ungemeine Wohltat für dieses Thema, das in Moral hätte ertränkt werden können. Der zweite Band der Vernon Subutex-Trilogie erscheint im Februar 2018.

Ines Lauffer, autorenbuchhandlug marx & co, Frankfurt