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Das Ende

Autor
Bartis, Attila

Das Ende

Untertitel
Aus dem Ungarischen von Terézia Mora
Beschreibung

András Szabad, ein Fotograf, erzählt seine Lebensgeschichte, und er tut das in absatzlangen Szenen, die sich als Fragmente seiner Erinnerung erweisen. So liest sich das Buch wie ein Fotoalbum eines imaginierten Lebens, angefangen von Kindheitserinnerungen aus dem Ungarn der Nachkriegszeit bis hin zu den politischen Transformationen Ende der 1980er Jahre. Ein großartiger Roman nicht nur über das Leben im sozialistischen Ungarn, sondern auch über den Versuch, die Barrieren zu der für den Erzähler irritierend fremden Welt zu überwinden.
(ausführliche Besprehung unten)

Verlag
Suhrkamp Verlag, 2017
Seiten
751
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-518-42763-7
Preis
32,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Attila Bartis, 1968 in Marosvásárhely im rumänischen Siebenbürgen geboren, lebt seit 1984 in Budapest. Er ist ausgebildeter Fotograf und debütierte 1995 als Schriftsteller. Neben Prosa und Essays hat er einen Gesprächsband mit dem Dichter István Kemény und ein Fotobuch publiziert. Er lebt auf Java und in Budapest.

Zum Buch:

András Szabad, ein Fotograf, erzählt seine Lebensgeschichte, und er tut das in absatzlangen Szenen, die sich als Fragmente seiner Erinnerung erweisen. So liest sich das Buch wie ein Fotoalbum eines imaginierten Lebens, angefangen von Kindheitserinnerungen aus dem Ungarn der Nachkriegszeit bis hin zu den politischen Transformationen Ende der 1980er Jahre. Ein großartiger Roman nicht nur über das Leben im sozialistischen Ungarn, sondern auch über den Versuch, die Barrieren zu der für den Erzähler irritierend fremden Welt zu überwinden.

Der jugendliche András Szabad zieht mit seinem Vater, der – wie schon der Großvater – ebenfalls András Szabad heißt, aus einer ungarischen Provinzstadt nach Budapest. Die Mutter ist gestorben, aber die Trauer führt zu keiner Annäherung zwischen Vater und Sohn. Trübselig ist ihr Zusammenleben in einer Zweizimmerwohnung, und die Durchgangstür zwischen beiden Zimmern wird verschlossen. Der Vater war 1956 verhaftet worden und leidet nun nach seiner Entlassung unter den körperlichen und seelischen Verletzungen aus der Zeit seiner Haft. Nur mit ehemaligen Mitgefangenen, die für den Widerstand, aber ebenso gut für die Staatssicherheit arbeiten könnten, findet er ein gemeinsames Thema. Hilflos verhält er sich gegenüber seinem Sohn, der schmerzvoll zu spüren bekommt, wie es ist, seinem Vater die Schwäche nicht nachsehen zu können.

Zum Geburtstag bekommt der junge András von seinem Vater eine Leica und beginnt zu fotografieren. Froh, dem Jungen etwas beibringen zu können, zeigt der Vater ihm, wie man Fotos entwickelt und vergrößert. Nach dem Tod des Vaters arbeitet András Szabad viele Jahre als Passbildfotograf; eigene Bilder macht er nach Feierabend. Der Fotoapparat bleibt András’ ständiger Begleiter, und es gelingt ihm, die entscheidenden Wendepunkte seines Lebens in Bildern festzuhalten. Das sind oft nur unscheinbare Motive, die in der Erzählung des Fotografen dann zu bedeutsamen Momenten eines größeren Zusammenhangs werden.

So wie der Erzähler András Szabad in seinen Erinnerungsszenen nur selten Schönes und Erhabenes darstellt, zeigen auch die Fotos des Fotografen András Szabad zumeist das Triste (die Teppichstange, die den Innenhof eines Wohnhauses plötzlich wie ein Gefängnishof erscheinen lässt; den Weihnachtsbaum in der Ecke der trostlosen Wohnung von András Szabad und seinem Vater), das Wunderbare im Alltäglichen (eine schöne Kellnerin in der grauen Kantine, zu Dreiviertel verdeckt von einem Stuhl) und die Verbindungen zwischen dem Emotionalen und Dingen, Ereignissen und Menschen (eine Uhr, die die Zeit anzeigt, als die Geliebte zum ersten Mal beim Fotografen übernachtet hat; die Zeitung, zerknittert vom Fuß des Vaters, bevor der ins Krankenhaus geht, um nicht wieder nach Hause zu kommen).

In der Erzählung entscheidend für das Leben des Menschen, aber besonders auch des Fotografen András Szabad, sind seine Frauen, die er – jede auf eine andere Weise – zu Fotografien und zu Erinnerungsszenen macht. Zentral ist seine Beziehung zu Éva Zárai, einer Konzertpianistin, die er über alles liebt, deren er sich aber nie sicher sein kann. Wie Éva Zárai steht er auch anderen Mitmenschen mit Unverständnis gegenüber, das sich mal in Staunen (wie bei Éva Zárai), mal in Verachtung (wie bei seinem Vater) äußert. Vielleicht ist das der Grund, warum er sich der Welt im Grunde nur fotografierend nähert, bis er eines Tages entscheidet, nicht mehr zu fotografieren. Die Erzählung, die er am Ende seines Lebens verfasst, handelt dann vor allem reflektierend von seinen Versuchen, sich der Welt zu nähern. Und am Ende, so viel sei hier verraten, sieht es so aus, als könnte es ihm gelingen.

Alena Heinritz, Graz