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Autor
Broks, Paul

Je dunkler die Nacht, desto heller die Sterne

Untertitel
Über die Liebe, die Trauer und das Ich. Aus dem Englischen von Annabel Zettel. Illustriert von Garry Kennard
Beschreibung

„Dieser Tag, zwischen ihrem Geburtstag und unserem Hochzeitstag, ist der Tag an dem sie stirbt.“ Gleich am Anfang erfährt man, dass Kate, Paul Broks Frau, gestorben ist. Nach der Krebs-Diagnose und einer Operation gab es zwar erst Hoffnung, doch dann teilte der behandelnde Arzt mit, dass der Tumor gestreut habe und die Chancen nicht gut stünden. Broks erinnert sich an das Gespräch mit Kate, als feststand, dass die gemeinsame Zeit auf ein sehr kurzes Stück zusammengeschrumpft war, an ihren sanften Vorwurf, dass er keine Ahnung habe, wie kostbar die Lebenszeit wirklich sei. Schon das Vorwort von Je dunkler die Nacht, desto heller die Sterne ist weniger Vor-Wort als Vor-Warnung, die Warnung, dass man sich in ein verwinkeltes, wackliges Haus begibt, wenn man sich anschickt, dieses Buch zu lesen. Auf Paul Broks Mischung aus persönlichen Erinnerungen, Fallbeschreibungen aus seiner neuropsychologischen Praxis und Reflexionen über den Tod muss man sich einlassen. Es ist ein Buch, das einmal mehr deutlich macht, dass es im Gehirn keine klare Trennlinie zwischen inneren Vorstellungen und den Wahrnehmungen der realen, stofflichen Welt „da draußen“ gibt.

(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Verlag C.H.Beck, 2019
Format
Gebunden
Seiten
320 Seiten
ISBN/EAN
978-3-406-74222-4
Preis
26,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Paul Broks ist klinischer Neuropsychologe. Sein erstes Buch “Ich denke, also bin ich tot. Reisen in die Welt des Wahnsinns” wurde von der Presse hochgerühmt.

Zum Buch:

„Dieser Tag, zwischen ihrem Geburtstag und unserem Hochzeitstag, ist der Tag an dem sie stirbt.“ Gleich am Anfang erfährt man, dass Kate, Paul Broks Frau, gestorben ist. Nach der Krebs-Diagnose und einer Operation gab es zwar erst Hoffnung, doch dann teilte der behandelnde Arzt mit, dass der Tumor gestreut habe und die Chancen nicht gut stünden. Broks erinnert sich an das Gespräch mit Kate, als feststand, dass die gemeinsame Zeit auf ein sehr kurzes Stück zusammengeschrumpft war, an ihren sanften Vorwurf, dass er keine Ahnung habe, wie kostbar die Lebenszeit wirklich sei. Der Autor beschäftigte sich daher in den letzten Lebensmonaten seiner Frau zunehmend mit den griechischen Philosophen, vor allem mit den Stoikern Marc Aurel und Seneca, weil deren Schriften die Vorstellung bestärkten, dass die Zeit das kostbarste Gut des Lebens sei.

In den oft schlaflosen Nächten der folgenden Monate nach Kates Tod drehen sich Broks Gedanken immer wieder und aus unterschiedlichsten Perspektiven um Trauer, Denken und Bewusstsein. Neuropsychologie ist die Erforschung der Beziehung zwischen Gehirn und Geist. Und aus eben dieser neuropsychologischen Sicht behandelt Broks den Geist „als einen Verbund von Abläufen: Wahrnehmung, Gefühl, Verstand, Sprache und Gedächtnis“. Immer wieder stößt er aber auch an die selbst gezogenen Grenzen dieser Definition. Für den modernen Geist, also auch für sein eher naturwissenschaftlich geprägtes Denken, sei Magie etwas Unglaubwürdiges. Broks lässt sich aber gezielt auf das Gedankenspiel ein, wonach eine Facette unseres Geistes, die wir Bewusstsein nennen, selbst potentiell unglaubwürdig ist, so wie der Glaube an Götter, Geister oder Jenseitsvorstellungen. Wessen Vorstellungen, wessen Bewusstsein ist dann eigentlich „real“?

Die eingestreuten Fallbeschreibungen diverser PatientInnen sind manchmal verstörend, aber vor allem interessant. Der Autor schildert z.B. den Fall einer plötzlichen Amnesie, durch die eine Frau vollständig den Bezug zu ihrer bisherigen Persönlichkeit verliert, ohne sichtbaren Anlass oder nachweisbare strukturelle Veränderungen ihres Gehirns. Patientin Carla hingegen litt an einer Schlafparalyse als Symptom einer Narkolepsie, in der der Schutzwall zwischen Fantasie und Realität völlig zusammenbrach, so dass sie sich wiederholt in Zuständen plötzlicher Panik oder gar vorübergehender Lähmungen befand. Broks bettet diese Schilderungen seiner PatientInnen in historische Bezüge ein. Was in früheren Zeiten als Besessenheit gedeutet und von Exorzisten auszutreiben versucht wurde, nennen Psychiater und Neuropsychologen heute Schlafparalyse oder Schizophrenie. Broks lässt diese Grenzen gezielt verschwimmen und relativiert damit immer wieder die Begriffe Realität und Bewusstsein.

In einem bemerkenswerten und ausgesprochen spannenden Kapitel stellt der Autor die Frage, wie sein erwachsenes Selbst mit der Person identisch sein kann, die er als Fünfjähriger war. Beide seien in fast allen Dingen verschieden: Wissen, Vorlieben, Fähigkeiten und Interessen unterschieden sich ganz maßgeblich voneinander. Können rein biologische und biografische Übereinstimmungen schon eine Identität begründen?

Das Vorwort von Je dunkler die Nacht, desto heller die Sterne ist weniger Vor-Wort als Vor-Warnung, die Warnung, dass man sich in ein verwinkeltes, wackliges Haus begibt, wenn man sich anschickt, dieses Buch zu lesen. Auf Paul Broks Mischung aus persönlichen Erinnerungen, Fallbeschreibungen aus seiner neuropsychologischen Praxis und Reflexionen über den Tod muss man sich einlassen. Mich hat dieser innere Monolog über die Grenzen des Mensch- und Bewusstseins sehr bereichert. Es ist ein Buch, das einmal mehr deutlich macht, dass es im Gehirn keine klare Trennlinie zwischen inneren Vorstellungen und den Wahrnehmungen der realen, stofflichen Welt „da draußen“ gibt.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt