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Autor
Riechers, Hans-Christian

Peter Szondi

Untertitel
Eine intellektuelle Biographie
Beschreibung

Hans-Christian Riechers Biografie Peter Szondis ist zugleich ein aufschlussreiches Portrait der intellektuellen Öffentlichkeit und der akademischen Realität nach dem zweiten Weltkrieg. Riechers fokussiert auf die Darstellung der Umbrüche und Neuanfänge sowohl in der Literaturwissenschaft als auch im geisteswissenschaftlichen und politischen Diskurs.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Campus Verlag, 2020
Format
Kartoniert
Seiten
281 Seiten
ISBN/EAN
9783593512228
Preis
39,95 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Hans-Christian Riechers ist Germanist an der Universität Freiburg.

Zum Buch:

Als Leiter des mittlerweile nach ihm benannten ersten Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft ebenso wie als Größe der akademischen und intellektuellen Öffentlichkeit der Nachkriegszeit dürfte Peter Szondi vielen bekannt sein. Die von Hans-Christian Riechers verfasste Biografie unternimmt nun den Versuch, das wissenschaftliche Schaffen Szondis mit dessen Biografie zusammenzuführen.

Mit Verweis auf Szondis frühes Anliegen, eine materialistische Analyse (im Rückgriff auf Lukàcs) mit der genauen Lektüre, die auf die Vorstellung der Werkimmanenz (bei Staiger) zurückgeht, zu vereinen, stellt sich Riechers als Biograph die Aufgabe, Werk und Biografie in ein dialektisches Verhältnis zu setzen. Ob ihm dies gelungen ist, sei dahingestellt, fest steht jedoch, dass wir in dem Buch ein gut recherchiertes und aufschlussreiches Portrait der intellektuellen wie der akademischen Öffentlichkeit und des Universitätsbetriebs vorfinden und eine kenntnisreiche Einführung in die wichtigsten Werke von und Debatten um Szondi erhalten.

Am bekanntesten ist Szondi wohl für seine Arbeiten zu den Gedichten Paul Celans geworden. In der Debatte um die Plagiatsvorwürfe gegen Celan, die sogenannte Goll-Affäre, positioniert sich Szondi als dessen Fürsprecher im öffentlichen Diskurs. Daraus entstand nicht nur ein enger werdender Austausch und die Freundschaft der beiden. In der öffentlichen Wahrnehmung positionierte sich Szondi damit auch als Kritiker der bestehenden Verhältnisse im öffentlichen Diskurs sowie innerhalb der Universitäten, deren antisemitische Ressentiments und Vergangenheitsverleugnung er deutlich ansprach. Nicht zuletzt in Folge dessen wird er kurz darauf als Kandidat für eine Professur in Frankfurt am Main, trotz (oder auch wegen) der Fürsprache Adornos und Habermas’, frühzeitig ausscheiden. Kurz darauf wird er zum Leiter des neugegründeten Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Berlin ernannt. Mit diesem ersten Lehrstuhl seiner Art grenzt Szondi die AVL nicht nur einerseits von einer nationalphilologischen Ausrichtung, sondern auch von der gängigen Komparatistik ab. Auch in seiner wissenschaftlichen Arbeit lässt sich dabei die Absicht erkennen, die Philologie von entpolitisierenden Tendenzen zu befreien, inhaltlich wie institutionell.

Riechers gelingt in seiner Biographie die Verzahnung der öffentlichen Debatten mit Szondis akademischen Weg und dessen inhaltlichen Interessensgebieten. Szondis frühe Arbeit an der Herausgabe und Debatte um das Werk Walter Benjamins spielt dabei ebenso eine Rolle wie der Austausch über das Judentum mit den Freunden Adorno, Celan und Scholem. Der Untertitel Eine intellektuelle Biographie trifft insofern zu, als Riechers deutlich über die Maßstäbe eines (Gesellschafts-) Portraits hinausgeht und die wissenschaftlichen Arbeiten Szondis als zentralen Teil seines Lebens und nicht etwa getrennt als Arbeitsbereich verhandelt. Ohne dabei zu sehr zu vereinfachen, versucht er, dies so lesbar wie möglich zu halten. Auch über den Bereich der Literaturwissenschaften hinaus ist diese Biographie spannend und lesenswert, nicht zuletzt deswegen, weil es die Philologie als Politikum erkennbar macht.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt