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Autor
Dangarembga, Tsitsi

Aufbrechen

Untertitel
Roman
Beschreibung

„Ich war nicht traurig, als mein Bruder starb. Auch entschuldige ich meine Gleichgültigkeit nicht oder, wie man es bezeichnen könnte, meine Gefühlskälte“.

So beginnt in Aufbrechen, dem ersten Teil dieser großartigen Trilogie von Tsitsi Dangarembga, von der bis jetzt nur dieser und der dritte Teil vorliegen, die Geschichte von Tambudzai – Tambu – Sigauke.

Aufbrechen ist ein schonungsloser und eindringlicher Roman über das Erwachsenwerden eines Mädchens in einem Dorf im Rhodesien der 60er Jahre. Tambus Wunsch nach Bildung und Selbstbestimmung stößt an die Grenzen einer durch Tradition und patriarchalen Strukturen geprägten Gemeinschaft.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Orlanda Verlag, 2019
Format
Broschiert
Seiten
262 Seiten
ISBN/EAN
978-3-944666-60-0
Preis
22,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Tsitsi Dangarembga ist Direktorin des Creative Arts of Progress in Africa Trust I Harare. Sie ist Gründerin und Direktorin des International Images Film Festival for Women in Harare und Mitglied der Organisation Women Filmmakers of Zimbabwe. 2021 erhält sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Zum Buch:

_„Ich war nicht traurig, als mein Bruder starb. Auch entschuldige ich meine Gleichgültigkeit nicht oder, wie man es bezeichnen könnte, meine Gefühlskälte“. _

So beginnt in Aufbrechen, dem ersten Teil dieser großartigen Trilogie von Tsitsi Dangarembga, von der bis jetzt nur dieser und der dritte Teil vorliegen, die Geschichte von Tambudzai – Tambu – Sigauke.

Aufbrechen ist ein schonungsloser und eindringlicher Roman über das Erwachsenwerden eines Mädchens in einem Dorf im Rhodesien der 60er Jahre. Tambus Wunsch nach Bildung und Selbstbestimmung stößt an die Grenzen einer durch Tradition und patriarchalen Strukturen geprägten Gemeinschaft.

In Tambus Familie herrscht das Wort des Onkels, der es mit Hilfe von weißen Missionaren geschafft hat, der Armut zu entkommen, das Dorf zu verlassen, Lehrer zu werden und sogar für einige Zeit im Ausland zu leben. Tambu ist ein selbstbewusstes und neugieriges Mädchen, aber Bildung ist nur den männlichen Familienmitgliedern vorbehalten, den Frauen ist der Platz im Haus bestimmt. Erst nach dem Tod ihres älteren Bruders wird Tambu der ersehnte Schulbesuch gewährt, gegen den Willen ihres Vaters, für den die Tochter nur Einnahmequelle für das Brautgeld ist. Aber auch ihre Mutter ist zunächst gegen einen Schulbesuch, denn die Ausbildung folgt den Vorgaben der Kolonialregierung; für sie ist deshalb die Entfremdung von der eigenen kulturellen Herkunft und der Familie vorprogrammiert. Sehr eindrucksvoll wird dies anhand des Schicksals von Tambus Cousine geschildert, die sich nach der Rückkehr der Familie aus England, wo sie ein europäisches Leben geführt hat, nicht mehr in das traditionelle Leben einleben kann und an der Starre der Familienstrukturen zu zerbrechen droht.

Aber Tambu kann diese Strukturen hinter sich lassen, am Ende verlässt sie voller Zuversicht das Dorf und geht auf ein englisches Internat in der Hauptstadt.

In Überleben, dem dritten Teil der Geschichte, begegnen wir Tambu als erwachsener Frau. Es ist nicht mehr die selbstbewusste Stimme der Ich-Erzählerin des ersten Teils, die Handlung wird nun aus distanzierter Erzählperspektive in der zweiten Person erzählt. Der Unabhängigkeitskrieg hat viele Opfer gefordert, auch in Tambus Familie. Anstatt zu einer geeinten Nation geworden zu sein, liegt das Land in Trümmern. Die einstigen Kolonialherren sind zwar verschwunden, aber an deren Stelle regieren korrupte Politiker das Land und treiben es zunehmend in die Verarmung. Der Kolonialismus hat zu lange die Möglichkeit verhindert, eine Zivilgesellschaft zu entwickeln.

Auch Tambus Lebensentwürfe sind letztlich gescheitert. Sie lebt alleine und ist mittlerweile arbeitslos, weil sie ihren gutbezahlten Job als Texterin in einer Werbeagentur aus Wut gegen ihre weißen Arbeitgeber gekündigt hat. Und doch ist es gerade deren privilegierter Lebensstil, auf den sie neidisch ist und den sie sich wünscht. Von ihrer Familie hat sie sich mehr und mehr entfernt, nicht nur, weil sie ihr fremd geworden sind, sondern auch aus Scham darüber, den Clan nicht mehr finanziell unterstützen zu können, wie es von ihr erwartet wird. Ihre zunehmende Verarmung und Vereinsamung sowie das Unvermögen, das eigene Leben wieder in den Griff zu bekommen, treiben sie in den völligen Zusammenbruch. Als ihr von einer ehemaligen Kollegin der Vorschlag unterbreitet wird, für zahlungskräftige und gutmeinende ausländische Touristen Ethno-Safaris zu organisieren, sieht Tambu die Möglichkeit, ihrem Leben und dem Leben ihrer Familie eine positive Wendung zu geben. In ihrem Dorf sollen Touristen hautnah das authentische Leben einer Dorfgemeinschaft erleben. Dafür wird das Dorf mittels europäischer Geldgeber für die Touristen aufgehübscht; die Bewohner sollen traditionelles Leben vorspielen, um den zivilisationsmüden Europäern Einblicke in das authentische, archaische Afrika zu geben, natürlich unter westlichen Hygienestandards. Schon der erste Besuch endet in einer Katastrophe, denn Tambus Mutter weigert sich, sich vorführen zu lassen. Erst in der Konfrontation mit ihrer Mutter beginnt Tambu zu erkennen, worin ihr Scheitern lag, und findet, getragen von der Gemeinschaft der Frauen aus ihrer Familie, langsam zu sich selbst.

Tsitsi Dangarembga in diesem Jahr mit dem Friedenspreis zu ehren, war eine großartige Entscheidung. Ihre Trilogie über Tambu ist nicht nur ein beeindruckendes Werk simbabwischer Literatur, sie zeigt darin auch meisterhaft die fatalen Auswirkungen und Nachwirkungen des Kolonialismus auf. Ihre Seitenhiebe auf dessen moderne Form, dem Tourismus, stimmen nachdenklich. Es ist darüberhinaus ein starkes Plädoyer gegen den Egoismusund für Ubuntu, den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Zu Recht wird sie im südlichen Afrika schon lange als einer der wichtigsten Stimmen gefeiert.
Herzlichen Glückwunsch auch von dieser Seite.

Andrea Schulz, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt