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Autor
Hennings, Emmy

Gedichte

Untertitel
Herausgegeben von Nicola Behrmann und Simone Sumpf unter Mitarbeit von Louanne Burkhardt
Beschreibung

An die Scheiben schlägt der Regen. / Eine Blume leuchtet rot. / Kühle Luft weht mir entgegen. / Wach ich, oder bin ich tot? / / Eine Welt liegt weit, ganz weit, / Eine Uhr schlägt langsam vier. / Und ich weiß von keiner Zeit, / In die Arme fall ich Dir …

Mit solchen Versen nimmt Emmy Hennings sich selbst als Dichterin wahr und wird zeitlebens mit ihren Gedichten alle Zuschreibungen und Grenzen übertreten: Mich erretten von den Namen, / Löse mich aus jedem Rahmen! Und: Mach mich frei, lebendig Wort!
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Wallstein Verlag, 2020
Format
Gebunden
Seiten
698 Seiten
ISBN/EAN
978-3-8353-3503-5
Preis
38,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Emmy Hennings (1885-1948), geb. in Flensburg, war zunächst Schauspielerin und Vortragskünstlerin an Varietés und Kabaretts, später Lyrikerin und Schriftstellerin und nach dem Tod ihres Mannes Hugo Ball dessen Biografin und »lebendiger Nachlass«. Viele ihrer Texte sind verstreut in Zeitungen erschienen oder längst vergriffen. Nun können sie neu entdeckt werden.

Zum Buch:

Bin ich entstiegen einem Märchenbuch? – Emmy Hennings, GEDICHTE

An die Scheiben schlägt der Regen. / Eine Blume leuchtet rot. / Kühle Luft weht mir entgegen. / Wach ich, oder bin ich tot? / / Eine Welt liegt weit, ganz weit, / Eine Uhr schlägt langsam vier. / Und ich weiß von keiner Zeit, / In die Arme fall ich Dir …

Mit solchen Versen nimmt Emmy Hennings sich selbst als Dichterin wahr und wird zeitlebens mit ihren Gedichten alle Zuschreibungen und Grenzen übertreten: Mich erretten von den Namen, / Löse mich aus jedem Rahmen! Und: Mach mich frei, lebendig Wort!

1913, gerade hatte der Verleger Kurt Wolff die Reihe Der Jüngste Tag gegründet, da erscheint als fünfter Band nach Franz Kafka und Ferdinand Hardekopf die erste Sammlung der Gedichte von Emmy Hennings mit dem Titel Die letzte Freude. Sie blieb bis weit über den 50. Band dieser Reihe hinaus die einzige publizierte Dichterin. 1922, fast zehn Jahre danach gelingt ihr die Veröffentlichung eines zweiten Gedichtbandes Helle Nacht mit der Widmung: Hugo Ball zugeeignet. Zusammen mit ihm hatte sie das Cabaret Voltaire, die Wiege DADAs, in Zürich gegründet.

Hab keinen Charakter, hab nur Hunger, / Ich Passagier im Zwischendeck des Lebens / (…) / Und jeden Abend auf der Lunger. / Und diese Kunst, die geht nach Brot. / Und kann man sterben wohl vor Scham? / (…)

Sie präsentiert ihre Gedichte wieder und wieder im täglichen Programm der „Künstlerkneipe“ und kämpft damit für deren Veröffentlichung und für ihren Lebensunterhalt. Dazu bündelt sie ausgewählte Gedichte in selbstgebastelten Heftchen und verkauft sie neben und bei ihren Auftritten: Poetische Drogen als Arte povera. Der nun beim Wallstein-Verlag verlegte Band „enthält sämtliche veröffentlichten Gedichte von Emmy Hennings, sofern sie nachweisbar waren (insgesamt 153 Gedichte) und nahezu sämtliche nachgelassene Gedichte.“

„Sie hat wunderbare Gedichte geschrieben“, urteilt Peter Weiss, nach seinem Besuch bei Hermann Hesse 1938, bei dem er mit Emmy „stundenlange Gespräche“ führte. „Emmy findet, die deutsche Sprache sei arm an Vokabeln der Zärtlichkeit und Verliebtheit. Die dänische sei darin unendlich reicher“, berichtet Hugo Ball. „Wäre sie Französin, so würde man sich um ihre Bücher reißen. Die Deutschen merken nichts. Wie sollten sie auch?“ (Hermann Hesse)

Emmy Hennings hat die Fähigkeit, den deutschen Mentalitätspanzer und die beherrschenden (Gesellschafts-)Grenzen zu überschreiten, oft träumerisch, aber hellwach. Sie bewahrt sich den Kinderblick auf den nackten Kaiser und spielt wie Kinder alles Erfahrene in Rollen nach, erzählt sie sich als Märchen. Sie liebt, singt und versetzt sich in (Volks-)Lieder, sucht sich in Bildern, in die sie sich hineinsieht, in die sie sich hineinliebt, so wie sie sich mystisch mit Gott verbindet:

IN MICH HINEINGELIEBT (Bekenntnis): Ich will mich sehn, / Laß Gnade dann durch meine Seele wehn. / Es werde Licht! / dann will ich stillehalten wie ein Spiegel, / O, sieh hinein! / (…)

Im dritten und letzten Gedichtband Der Kranz finden sich auch Gedichte der Trauer um ihren 1927 verstorbenen Mann Hugo Ball, dem sie mehrere Biografien gewidmet hat, mit dem sie immer Verse und Texte getauscht hat. Ihre Gedichte: ein poetischer Wortwechsel eines einzigartigen Liebespaares. Jetzt lässt sich der Part von Emmy Hennings nachlesen, auch im ungemein spannenden Teil der Einzelnen nachgelassenen Gedichte.

Den im Sommer 1941 für den katholischen Herder-Verlag vorbereiteten Gedichtband Die Mystische Rose, ein Legendenbogen und Hohelied auf Maria, die Mutter Gottes, hat sie zurückgezogen – „er müsste besser sein”. Aber vielleicht wollte sie auch die Schablone, eine „religiöse“ Schriftstellerin zu sein, nicht verstärken, vielleicht hatte es auch mit dem „Schweigen“ der katholischen Kirche „zu Verfolgung, Konzentrationslagern, Krieg und Vertreibung“ zu tun, das „sie weder begreifen noch verzeihen kann.“ (Bärbel Reetz, Emmy Ball-Hennings. Leben im Vielleicht).

Rückblickend stellt sie fest: „Reich mir die Hand, mein Leben“ / So hat es froh geklungen, / Doch hat zugleich gesungen / ein ander Lied daneben.

Heute, 2020, wird sie als „Jahrhundertfrau der Avantgarde“ in einer Ausstellung präsentiert, und mehr als hundert Jahre hat es auch gedauert, bis all die Gedichte von Emmy Hennings endlich in ihrer inspirierenden Vollständigkeit gelesen werden können.

Karl Piberhofer, Berlin