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Autor
Mingarelli, Hubert

Ein Wintermahl

Untertitel
Roman. Übersetzt von Elmar Tannert
Beschreibung

Drei hungrige Wehrmachtssoldaten, die einen polnischen Juden gefangengenommen haben, suchen in einer eisigen Winternacht Schutz in einem verlassenen Haus. Während sie noch darauf warten, dass ihre Suppe kocht, beginnen sie zögerlich, die Ängste und finsteren Erinnerungen zu teilen, die sie mehr und mehr Zweifel an ihrem Tun aufkommen lassen.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
ars vivendi, 2020
Format
Gebunden
Seiten
142 Seiten
ISBN/EAN
978-3-7472-0178-7
Preis
18,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Hubert Mingarelli (1956–2020) umfangreiches Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Prix Médicis, und war für den Prix Goncourt und den International Booker Prize nominiert. Ein Wintermahl ist sein erster Roman, der auf Deutsch erscheint.

Zum Buch:

Es hieß beim Nachmittagsappell, weitere Juden würden am folgenden Tag ins Lager gebracht werden, was nichts anderes bedeutete, als dass Arbeit auf die Männer des Exekutionskommandos wartete – eine Nachricht, die nicht jeden mit Freude erfüllte. Tief im polnischen Hinterland vom Winter überrascht, war die Moral einiger Soldaten auf den Nullpunkt gesunken, auch waren Hunger und beißende Kälte wenig dazu geeignet, ihnen ihr scheußliches Tagewerk leichter von der Hand gehen zu lassen. Daher beschlossen drei Soldaten, sich zumindest für einen Tag von den Erschießungen freistellen zu lassen, indem sie sich noch vor dem nächsten Morgenappell bereit erklärten, die Umgebung nach versteckten Juden zu durchkämmen.

Und so stapften sie durch die verschneite Landschaft, wortkarg, hungrig, müde, mit ihren jeweils eigenen Gedanken beschäftigt. Mehr durch Zufall entdeckten sie tatsächlich einen einzelnen Juden, einen jungen, völlig verängstigten Mann, der sich in einem Erdloch versteckt hat. Die Dämmerung brach ein, also suchten sie in einem nahegelegenen, verlassenen Haus Schutz vor der Kälte, zerschlugen das Mobiliar für ein wärmendes Feuer, kochten aus dem wenigen, was sie hatten, eine karge Suppe. Mitten in der Nacht, noch während sie darauf warteten, dass ihr wie zu Stein gefrorenes Brot auftaute, kamen sie endlich ins Gespräch, teilten ihre dunkelsten Erinnerungen und Ängste, stellten ihr grässliches Tun zunehmend infrage – als es völlig unvermittelt an der Tür klopfte. …

Mit Ein Wintermahl ist dem französischen Autor Hubert Mingarelli eine Art Kammerspiel gelungen, das auf kleinstem Raum all die Schrecken, den Irrsinn und nicht zuletzt den Stumpfsinn des Tötens auf höchst beeindruckende Weise zur Schau stellt.

Axel Vits, Der andere Buchladen, Köln