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Autor
Albig, Jörg-Uwe

Zornfried

Untertitel
Roman
Beschreibung

Der Reporter Jan Brock begibt sich auf die Suche nach dem mysteriösen völkischen Dichter Storm Linné, der umgeben von Anhängerinnen und Anhängern auf der Burg Zornfried im Spessart haust. Was als fiktive Reportage über die Frage beginnt, ob die Medien über die neuen Rechten berichten oder ihnen lieber so wenig wie möglich Öffentlichkeit geben sollten, endet als schaurig-fantastisches Märchen. So liest sich Jörg-Uwe Albigs Roman Zornfried als treffende Satire über den im Stupor zwischen Abscheu und Faszination vor neurechten Kulten gefangenen Reporter.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Klett-Cotta Verlag, 2019
Format
Gebunden
Seiten
159 Seiten
ISBN/EAN
978-3-608-96425-7
Preis
20,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Jörg-Uwe Albig, geboren 1960 in Bremen, studierte Kunst und Musik in Kassel, war Redakteur beim »Stern« und lebte zwei Jahre als Korrespondent einer deutschen Kunstzeitschrift in Paris. Seit 1993 arbeitet er als freier Autor in Berlin. Er schreibt u.a. für »GEO« und das »SZ Magazin«. Bei Klett-Cotta erschien zuletzt »Eine Liebe in der Steppe«.

Zum Buch:

Der Reporter Jan Brock begibt sich auf die Suche nach dem mysteriösen völkischen Dichter Storm Linné, der umgeben von Anhängerinnen und Anhängern auf der Burg Zornfried im Spessart haust. Was als fiktive Reportage über die Frage beginnt, ob die Medien über die neuen Rechten berichten oder ihnen lieber so wenig wie möglich Öffentlichkeit geben sollten, endet als schaurig-fantastisches Märchen. So liest sich Jörg-Uwe Albigs Roman Zornfried als treffende Satire über den im Stupor zwischen Abscheu und Faszination vor neurechten Kulten gefangenen Reporter.

Brock kommt zum ersten Mal mit Storm Linnés völkischer Dichtung in Kontakt, als Aktivisten eine Podiumssitzung zur Zivilgesellschaft sprengen und die Losung „versklavt nicht von der Heuchler Zunge“ an die Wand sprühen. Seltsam berührt von diesen Worten begibt sich Brock auf die Suche nach dem Dichter und publiziert einen Artikel über ihn – in seinen Augen einen Verriss. Darin beschreibt er Storm Linné als Stimme der Rechtsintellektuellen, die man besser ernst nehme als sie totzuschweigen. Prompt bekommt er eine Einladung auf die Burg Zornfried von dem Burgherren Freiherr von Schierling. Dort erfährt der überraschte Brock, dass sein Artikel durchaus nicht nur als Verriss, sondern ebenso als Würdigung des Dichters gelesen wurde und ihm den Eintritt in die verschrobene Welt auf Burg Zornfried verschafft hat.

Der Burgherr führt den Journalisten ein in die Welt Storm Linnés, er zeigt ihm Gebäude und Gedanken jener Gesellschaft, die auf Zornfried verkehrt. Im umliegenden Wald erklärt er ihm die „natürliche Hierarchie“ der Bäume, die aus Herrschaft und Unterordnung besteht, und legt dar, warum die Buche der „deutscheste Baum“ ist. Die Mahlzeiten nimmt Brock gemeinsam mit der Familie des Freiherren ein. Von Schierling siezt seine Frau und lässt teutonisches Wurzelgemüse von seinen blonden Töchtern mit altertümlichen germanischen Namen servieren. Dem Dichter selbst darf Brock erst bei einer sogenannten „Tafelrunde“ begegnen, einem seltsamen Ritual der rechten Elite, bei der ehrfurchtsvoll die Texte Storm Linnés zelebriert werden. Seine kritische Haltung gegenüber dem abstrusen Gehabe legt Brock nicht ab, immer wieder braucht er aber eine Fahrt mit dem Auto bei lauter Musik, um sich von dem Zauber zu befreien.

Weniger distanziert geht Brocks Kollegin Jenny Zerwien mit der Gemeinschaft auf der Burg um und wird schnell von dem Freiherrn bevorzugt. Anders als aufgeschlossen, so Zerwien, könne man sich dem Phänomen nicht widmen, sonst lerne man die Gedanken dieser Leute nie kennen, und es sei schließlich die Pflicht des Journalismus, die Öffentlichkeit aufzuklären. Immer mehr wird sie aber hineingezogen, und ist sich am Ende der Richtigkeit ihres Vorgehen nicht mehr sicher. Brock hingegen überrascht sich selbst durch eine spontane Solidaritätsbekundung seinerseits gegenüber den Burgbewohnern, die seine Reflexion über die vereinnahmende Wirkung der Bewegung ganz neu anregen. Herrlich komisch sind die vielen Gedichte Storm Linnés, die den Roman durchziehen. Zu diesen Parodien hat sich Albig – eigenen Aussagen nach – von den Gedichten Stefan Georges inspirieren lassen. Hier schnürt der Wolf, fließt das Blut, siegt der Krieger und bebt die Scholle. Aber der Roman erschöpft sich nicht im Parodistischen. Viel mehr als eine Satire auf die mittlerweile zum Genre gewordenen Homestories über Götz Kubitscheks Rittergut in Schnellroda entwickelt dieser Roman eine ganz eigene, fantastische Dimension, die den Roman vom Essay unterscheidet.

Alena Heinritz, Graz