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Autor
Davies, Carys

WEST

Untertitel
Roman. Aus dem Englischen von Eva Bonné
Beschreibung

Ein genügsamer Maultierzüchter aus Pennsylvania verfolgt einen kühnen Plan. Er hat davon gehört, dass man in Kentucky riesige Knochen gefunden hat, und nun will er solange nach Westen reiten, bis er auf ein lebendes Exemplar dieser Ungeheuer trifft.
West ist ein unvergesslicher kleiner Roman, wie er nicht alle Tage daherkommt.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Luchterhand Literaturverlag, 2019
Format
Gebunden
Seiten
208 Seiten
ISBN/EAN
978-3-630-87606-1
Preis
20,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Carys Davies wurde 2015 für ihren Short-Story Band »The Redemption of Galen Pike« mit dem Frank O’Connor International Short Story Award ausgezeichnet. Sie wurde in Wales geboren und wuchs in den Midlands auf. Nach einer elfjährigen Zwischenstation in New York und Chicago lebt sie jetzt in Lancaster, im Nordwesten Englands.

Zum Buch:

Sie hielten ihn für verrückt. Alle hielten ihn für komplett verrückt: Seine herrische Schwester Julie, die ihn einen Narren schimpfte, weil er Haus und Hof für ein Hirngespinst aufgeben wollte; sein direkter Nachbar, der etwas zwielichtige Farmer Jackson, der längst ein Auge auf seine Tochter geworfen hat, und die Leute im Ort, die ihn nach dem Tod seiner Frau ohnehin für etwas wunderlich hielten, schon allein deshalb, weil er sich nie mehr in der Kirche hatte blicken lassen. Selbst seine Tochter Bess machte sich zumindest große Sorgen und fragte sich, ob sie den großen, rotbärtigen Mann, der in seinem schweren Fellmantel und mit dem neuen Zylinder in Richtung Westen ritt, wohl jemals wiedersehen würde.

Cy Bellman ist Maultierzüchter und führt eine kleine Farm im nördlichen Pennsylvania. Nachdem er in der Zeitung einen Artikel über eine höchst seltsame Entdeckung in der Nähe von Kentucky gelesen hat, in dem es heißt, man habe ungewöhnlich große, ja riesige Knochen gefunden, Schulterblätter, Schädel und Gebisse, deren Herkunft sich niemand erklären könne, lässt ihn diese Sache nicht mehr los.

Cy ist davon überzeugt, dass irgendwo tief im Westen noch Exemplare dieser Ungeheuer umherstreifen würden – doch wie er darauf kommt und weshalb ihn dieser Gedanke dermaßen umtreibt, weiß er selbst nicht zu sagen. Dennoch hat er sich in den Kopf gesetzt, der erste Mensch zu sein, der sie mit eigenen Augen zu sehen bekommt.

Der Abschied fällt auch ihm schwer. Er verspricht seiner Tochter, in ein paar Monaten wieder zurück zu sein, spätestens in zwei Jahren. Er hat ein Maultier dabei, das Tauschware trägt – bunte Perlen, hübsche Ketten, Spiegelscherben –, sollte er unterwegs auf Indianer treffen, und der Zylinder ist allein dafür da, Eindruck auf die Wilden zu machen.

Und so zieht er los. Das Land ist weit und zur damaligen Zeit noch fast völlig unerforscht. Die Sommer sind extrem trocken. Die Winter streng. Er trifft auf Indianer, zeichnet die Umrisse der Ungeheuer in den Staub, doch die werfen sich nur fragende Blicke zu und schütteln die Köpfe.

Während Bess in der Obhut ihrer strengen Tante zurückbleibt und sich den Avancen des Farmers Jackson erwehren muss, trifft Cy auf einen alten Trapper, der zunächst in schallendes Gelächter ausbricht, als er von seinem Vorhaben erfährt. Dann aber macht er sich Sorgen um den sympathischen, rothaarigen Kerl mit dem komischen Ding auf dem Kopf und gibt ihm zum Schutz einen seiner Indianer an die Seite. Doch ist der schlaksige, leicht tollpatschige Junge, der möglicherweise nicht zu unrecht ‘Alte Frau aus der Ferne’ heißt, zunächst keine wirklich große Hilfe, was nicht zuletzt daran liegen mag, dass keiner der beiden die Sprache des anderen versteht. Immer tiefer dringen sie nach Westen vor und stoßen dabei auf nie zuvor Gesehenes. Am Ende ist es jedoch nur einer der beiden, der zurückkehrt, und der Zeitpunkt hätte nicht besser gewählt sein können.

Cary Davies hat mit West ein kleines Wunder vollbracht, indem sie auf nur wenigen Seiten und ohne allen unnötigen Zierrat eine Geschichte erzählt, die in ihrer Eindringlichkeit und Größe nicht zu Unrecht in der Literaturwelt ihresgleichen sucht. Da ist kein Satz, kein Wort zu viel. Sie versteht es, allein mit ein paar wohlüberlegten Strichen ihre Charaktere darzustellen, und man fiebert bis ganz zum Schluss mit, wie diese überwältigende Erzählung wohl ausgehen mag. Das ist große Kunst. Die große Kunst einer zu endeckenden Schriftstellerin.

Axel Vits, Der andere Buchladen, Köln