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Autor
Augiéras, François

Eine Reise auf den Berg Athos

Untertitel
Aus dem Französischen von Dirk Höfer
Beschreibung

Am Strand von Ierissos, ganz im Osten Griechenlands, spaziert, im Schatten der Eukalyptusbäume, ein junger Toter. Unsicher befragt er seine Begleiterin, wo er sei und wie sich die anderen Toten in seiner Situation verhielten. Wenige, ist die Antwort, wagten die Weiterreise auf den heiligen Berg. Die meisten machten nur kurz Station, um dann wieder ins Reich der Lebenden zurückzukehren.

Die Reise auf den Berg Athos ist ein außergewöhnliches, skurriles Buch, das dank seiner vorzüglichen und feinen Sprache einen Kosmos aus glänzenden, manchmal irre schillernden Bildern entstehen lässt, der irgendwo zwischen psychotischem Wahn und höchster poetischer Kunst angesiedelt ist.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Matthes & Seitz Berlin, 2019
Format
Gebunden
Seiten
248 Seiten
ISBN/EAN
978-3-95757-719-1
Preis
28,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

François Augiéras wurde 1925 in Rochester, New York, USA als Sohn eines französischen Pianisten und einer polnischen Porzellanmalerin geboren. Nach Episoden als Schauspieler bei einem Wanderzirkus und Soldat reiste er durch die Sahara und den Mittelmeerraum. Er starb 1971 in Périgueux.

Zum Buch:

„Was ist das für ein Dorf, wo ich nur Kinder, blutjunge Frauen und Mädchen zu Gesicht bekomme?“ Am Strand von Ierissos, ganz im Osten Griechenlands, spaziert, im Schatten der Eukalyptusbäume, ein junger Toter. Unsicher befragt er seine Begleiterin, wo er sei und wie sich die anderen Toten in seiner Situation verhielten. Wenige, ist die Antwort, wagten die Weiterreise auf den heiligen Berg. Die meisten machten nur kurz Station, um dann wieder ins Reich der Lebenden zurückzukehren.

Der tiefblaue Himmel wölbt sich über dem Dorf, dem weiß leuchtenden Strand aus feinem Sand. Mädchen lachen in den verwunschenen, üppigen Gärten. Gedämpftes Geplauder dringt aus den verschatteten Weinlauben, Kinder spielen ausgelassen. Wie leicht, sich hier zur Rückkehr ins Leben zu entscheiden. Süße Verheißung.

Der junge Tote allerdings will das Jenseits erkunden, das von einem marmornen Berg überragt wird, in dessen dunklen nach Zedernholz duftenden Urwäldern Schlangen und wilde Stiere hausen. In dem in verschwiegenster Gottesfurcht zweitausend Mönche in zwanzig Klöstern und einigen Einsiedeleien leben. Ein Jenseits, das die Identität wie die Zeit infrage stellt, auflöst und dessen Erkundung vielleicht zu höheren Wahrheiten führt.
Leicht wehmütig nimmt der Tote Abschied von seiner Begleiterin, versorgt sich mit dem Nötigsten und setzt mit dem nächsten Boot über, um eine rastlose Wanderschaft auf dem Athos zu beginnen – eine fiebrige Reise zwischen Ich-Auflösung und staunender Naturbetrachtung, zwischen Askese und sexueller Ausschweifung, spiritueller Einsicht und gleißendem Wahnsinn.

Der Heilige Berg Athos ist die einzige Mönchsrepublik der Welt. Eintausendachthundert orthodoxe Mönche leben weltabgewandt auf der schmalen Halbinsel, die im Osten an Chalkidiki anschließt. Frauen ist der Zutritt verboten, weibliche Tiere sind ebenfalls untersagt. Es heißt: Die Abwesenheit alles Weiblichen wird durch die Anwesenheit der Gottesmutter kompensiert und gereiche so dem Weiblichen zur höchsten Ehre.
Der Athos ist autonomes Gebiet und wird von den Äbten der Klöster verwaltet. Dass dieses Gebiet als besonders geheimnisvoll, als Sehnsuchtsort spiritueller Erfüllungen gilt, dass sich Jahr um Jahr Pilger entschließen, dieses unwahrscheinliche Stück Erde zu erkunden, ist naheliegend.

Und so machte sich auch der französische Schriftsteller François Augiéras in den 50er-Jahren auf den Weg, den Athos für sich zu entdecken. Wie lange er die Mönchsrepublik durchstreifte, ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass er seine Erlebnisse in seinem rätselhaften Buch Eine Reise auf den Berg Athos einfließen ließ, in dem er beschreibt, wie ein junger Toter in das Jenseits des Athos kommt, rastlos von Kloster zu Kloster wandert, dabei mehrere Identitäten durchlebt, weil er seiner eigenen durch seinen Tod verlustig gegangen ist und schließlich nach spiritueller Veredelung in radikaler Entsagung sucht. „War ich tot? Träumte ich? Meine Abenteuer auf dem Heiligen Berg waren nur die Folge meiner Neigungen und meiner früheren Leben.“

Im gleichen Maße wie sich die Identität des toten Protagonisten im Laufe seiner Wanderschaft auflöst, wie er zu der Überzeugung gelangt, dass seine Seele eine Vielzahl von Identitäten beheimatet, die er beinahe beliebig wechseln kann, erodiert der Text Genregrenzen und sperrt sich einer genauen Zuordnung: kristallklare Naturbeschreibungen von ausnahmsloser Schönheit und Präzision wechseln mit der Schilderung beinahe mythologischer Szenen ab, spirituelle Gedankengänge, die pantheistische, christliche und buddhistische Ideen in ein religiöses Mash-up verwandeln, münden in sexuelle Eskapaden mit deprivierten Athos-Mönchen. All das wird von der Ungewissheit verrätselt, ob der Protagonist tatsächlich durch das Jenseits wandert oder aber ob er nur von einem Jenseits der regulären Welt spricht, dem Athos als spirituelle Sphäre also, in der die ultimative Selbsterfahrung möglich ist, weil dieses Gebiet dem normalen Lauf der Welt nicht folgt.

„Hinter den Pforten des Todes reichte ein Nomadenlager zu meiner Erquickung aus, denn ich war ein uralter Geist. Meine Einsamkeit, keineswegs dazu angetan, mich zu quälen, gab mir mein wahres, aus Urzeiten stammendes Wesen zurück.“

Ganz gleich welchem Genre man dieses Werk zuordnen möchte, ganz gleich, welche Intention der frühverstorbene Augiéras, der gegen Ende seines Lebens in einer Höhle bei Domme im Périgueux hauste, mit der Niederschrift dieses Textes auch hatte: Die Reise auf den Berg Athos ist ein außergewöhnliches, skurriles Buch, das dank seiner vorzüglichen und feinen Sprache einen Kosmos aus glänzenden, manchmal irre schillernden Bildern entstehen lässt, der irgendwo zwischen psychotischem Wahn und höchster poetischer Kunst angesiedelt ist.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt