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Autor
Fallwickl, Mareike

Das Licht ist hier viel heller

Untertitel
Roman
Beschreibung

Wie abweisende Türsteher hat Mareike Fallwickl an den Anfang ihres Romans zwei Stereotype gesetzt: das des alternden, erfolglosen Schriftstellers Wenger, der mit dem Niedergang seiner mentalen und körperlichen Potenz ringt, und das seiner öffentlichkeitssüchtigen Frau Trixie, die mit eigenem Fitness-Kanal auf Youtube, einem jungen Liebhaber und veganer Ernährung dem Jugendwahn frönt und sich ihrer ungebrochenen Attraktivität durch Likes, Clicks und andere mediale Aufmerksamkeit vergewissert.

Mareike Fallwickel schreibt sich mit ihrem neuen Roman in die #MeToo-Debatte ein, macht erfahrbar, wie zerstörerisch männliche Dominanz jeden Tag und in vielerlei Hinsicht noch immer wirken kann. Das Licht ist hier viel heller sollte man schon allein deswegen unbedingt lesen!
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Frankfurter Verlagsanstalt, 2019
Format
Gebunden
Seiten
384 Seiten
ISBN/EAN
9783627002640
Preis
24,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Mareike Fallwickl, 1983 in Hallein bei Salzburg geboren, arbeitet als freie Texterin, schreibt für eine Salzburger Zeitung eine wöchentliche Kolumne und betreibt seit 2009 einen Literaturblog. Sie lebt im Salzburger Land. 2018 erschien ihr literarisches Debüt »Dunkelgrün fast schwarz« in der Frankfurter Verlagsanstalt, das von Lesern gefeiert und unter anderem für den Österreichischen Buchpreis sowie das »Lieblingsbuch der Unabhängigen« nominiert wurde.

Zum Buch:

Wie abweisende Türsteher hat Mareike Fallwickl an den Anfang ihres Romans zwei Stereotype gesetzt: das des alternden, erfolglosen Schriftstellers Wenger, der mit dem Niedergang seiner mentalen und körperlichen Potenz ringt, und das seiner öffentlichkeitssüchtigen Frau Trixie, die mit eigenem Fitness-Kanal auf Youtube, einem jungen Liebhaber und veganer Ernährung dem Jugendwahn frönt und sich ihrer ungebrochenen Attraktivität durch Likes, Clicks und andere mediale Aufmerksamkeit vergewissert.

Wenger und seine Exfrau sind die getrennten Eltern von Zoey und Spin, haben beide jedoch zugunsten ihrer eigenen Interessen schon vor vielen Jahren den emotionalen Kontakt zu ihren Kindern aufgegeben. Haushälterin Barbara war über Jahre die, die gekocht und Pflaster geklebt hat, die Geburtstage nie vergaß und wusste, welche Geschichten Zoey und Spin beim ins Bett gehen am liebsten mochten. Doch als Wenger ausziehen musste – Trixie hatte seine Frauengeschichten endgültig satt –, hat auch Barbara ihren Platz im Haus geräumt, die Kinder seien ja jetzt auch alt genug, meinte die Mutter.

Jetzt sitzen die Kinder im luxuriös großen, aber lieblosen Haus, und Wenger, langsam verwahrlosend, mit Schreibblockade zwischen unausgepackten Kartons in einer Junggesellenwohnung. Die hat er sich nur als „Übergangswohnung“ gemietet, bis Trixie ihn sicher wieder zurücknehmen und ihm seine Eskapaden verzeihen wird. Schon deswegen ändert Wenger weder das Klingelschild noch den Namen am Briefkasten und kommt so eher zufällig in den Besitz von Briefen einer Unbekannten, die sich offenbar an den Vormieter richten. Diese intensiven Briefe, in denen die unbekannte Frau dem Mann, den sie liebte, noch einmal ihre gemeinsame Geschichte, ihren Schmerz und das unglaubliche Ende ihrer Liebe vor die Füße wirft, versetzen Wenger in Aufruhr, bringen etwas in ihm ins Rutschen, rütteln an seinem überheblichen Selbstmitleid, in dem er sich sonst genüsslich wälzt.

Der besondere Sog dieses Buches entwickelt sich aber vor allem dann, wenn die Autorin ihre erzählerische Kamera wegschwenkt vom grantelnden Wenger, von der nach medialer Aufmerksamkeit gierenden Trixie, von dem oberflächlichen High Society-Gesellschafts- und Literaturbetrieb, und sich hinwendet zur heranwachsenden Zoey. Diese steht kurz vor dem Abitur, entdeckt gerade ihre Begeisterung für eine ganz eigene Fotografie und verbarrikadiert sich mit ihrem Bruder hinter einer Wand gespielter Gleichgültigkeit gegen die emotionalen Erpressungen ihrer Mutter. Trixies übergriffige Versuche, sich mit Zoey äußerlich zu verschwistern, ihrer Tochter Modebewusstsein und Sexyness aufzudrängen, stehen in erschütterndem Einklang mit dem offensichtlichen Mangel an Interesse und Empathie für ihre jugendlichen Kinder.

Fallwickel beschreibt die emotionalen Auswirkungen auf Zoey und Spin detailliert und mit großer Intensität. Sie zeichnet nach, was es bedeutet, wenn den Eltern ihre Öffentlichkeitswirkung wichtiger ist als die Bedürfnisse ihrer Kinder. Diese jungen Erwachsenen, die zumindest tief drinnen nie aufgehört haben, sich zu wünschen, von ihren Eltern gesehen, anerkannt und geliebt zu werden, gehen ihren eigenen Weg, begleitet nur von ihren ebenfalls ständig postenden, chattenden Freund*innen, die ihre Haltlosigkeit nur spiegeln, nicht aber lindern können. In diesen Zuständen gerät Zoey in eine erschreckend bildhaft beschriebene Notlage, in die Frauen egal welchen Alters immer wieder schlittern: Ein Mann, vielleicht sogar befreundet oder doch zumindest bekannt, trinkt zu viel Alkohol und überschreitet die Grenze, überhört das geflüsterte oder geschriene „bitte nicht“, ignoriert die Abwehr und die Angst …

Mareike Fallwickel schreibt sich mit ihrem neuen Roman in die #MeToo-Debatte ein, macht erfahrbar, wie zerstörerisch männliche Dominanz jeden Tag und in vielerlei Hinsicht noch immer wirken kann. Das Licht ist hier viel heller sollte man schon allein deswegen unbedingt lesen!

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt