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Autor
Deaglio, Enrico

Eine wahrhaft schreckliche Geschichte zwischen Sizilien und Amerika

Untertitel
Ein Essay. Aus dem Italienischen von Klaudia Ruschkowski
Beschreibung

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sahen sich die Großgrundbesitzer im Süden der USA gezwungen, die seit Kurzem befreiten Sklaven durch ebenso billige Arbeiter zu ersetzen. Doch durch die Unterstützung der italienischen Regierung wurden sie auf Sizilien rasch fündig. Dies ist die ungeheure und beinahe in Vergessenheit geratene Geschichte eines verhängnisvollen Schulterschlusses.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Edition CONVERSO, 2019
Format
Gebunden
Seiten
232 Seiten
ISBN/EAN
978-3-9819763-1-1
Preis
23,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Enrico Deaglio wurde 1947 in Turin geboren. Nach einem Medizin- und Chirurgiestudium arbeitete er zunächst als Arzt, bevor er Mitte der 70er-Jahre für verschiedene Zeitungen als Journalist und später auch als Fernsehjournalist arbeitete.

Zum Buch:

Tallulah, am Ufer des Mississippi. Man sagt, hier sei der Teddybär erfunden worden, aber in Wahrheit reklamiert auch das benachbarte Vicksburg diese Anekdote für sich. Es ist Sommer. 1899. Die Luft ist trocken. Die Hitze flimmert nahe über dem Boden und hier und da steigen Staubwirbel auf. Irgendwo bellt ein Hund.

Drei junge Männer, Dagos, wie man sie verächtlich nennt, baumeln an einer riesigen Pappel und nach üblichem Brauch wurden ihre Leichname bespuckt und von Kugeln durchsiebt. Drüben, wo die Gleise zur Stadt hinausführen, finden sich noch zwei von ihnen, diesmal jedoch an Fleischerhaken aufgehängt, die normalerweise zum Trocknen von Ochsenhälften dienen.

Alles hatte mit einer Ziege begonnen, die einem Mann namens Defatta gehörte, der mit seinen Brüdern bereits vor Jahren aus Sizilien eingewandert war. Wie so oft graste das Tier im Nachbargarten des Doktors, und da dieser der Ziege mittlerweile leid war, erschoss er sie ohne weitere Umstände. Die Sizilianer wollten sich das nicht bieten lassen und sannen auf Rache. Fäuste wurden in den Himmel gereckt. Drohungen ausgesprochen. Bald schon fielen die ersten Schüsse.

Kurz nachdem der Doktor ernstlich verletzt wurde, fand sich ein Mob aus Weißen zusammen, und wenig später hingen fünf Männer an ihren Galgen. Ein sechster konnte allein durch einen beherzten Sprung in den Fluss sein Leben retten.

Schuld an der ganzen Sache war natürlich nicht die Ziege. Die Ursache für diesen weithin in Vergessenheit geratenen Lynchmord lag vielmehr ganz woanders. Denn nachdem durch die Befreiung der Sklaven die Felder brach zu liegen drohten, sahen sich die Großgrundbesitzer nach neuen Arbeitern um, die halbwegs willens, vor allem aber kräftig genug für eine solche Knochenarbeit waren. Billig sollten sie natürlich auch noch sein, aber das verstand sich von selbst.

Also wurden Anwerber nach Europa geschickt, die den von Dürre und Unruhen geplagten Kleinbauern und Tagelöhnern die Neue Welt in den farbigsten Bildern ausmalten und ihnen das Blaue vom Himmel versprachen. Die italienische Regierung, froh darüber, das aufmüpfige Volk loszuwerden, war sogar bereit, die Amerikaner in ihrem Vorhaben noch zu unterstützen, und sah daher geflissentlich darüber hinweg, dass diese die Krise, die in Südeuropa vorherrschte, für ihre Zwecke sogar noch anzuheizen gewillt waren.

Dass die Realität in Amerika völlig anders aussah, durften die Bauern, ähnlich wie seinerzeit die Sklaven aus Afrika, noch während der Überfahrt an Leib und Seele erfahren, spätestens jedoch bei ihrer Ankunft in New Orleans, wo ihnen eine Welle offener Verachtung entgegenschlug.

Der Journalist Enrico Deaglio stieß eher zufällig auf die Geschichte der Lynchmorde. Er durchleuchtet in seinem Essay jedoch nicht allein die Hintergründe, die dazu führten, sondern befasst sich darüberhinaus noch mit dem aktuellen Bezug zu unserer Zeit. Die Sprache, die er dafür benutzt, macht es dem Leser enorm leicht, dem Thema mit Spannung und einem hohen Grad an Interesse zu folgen, denn sie ist ebenso einzigartig wie verführerisch, mal lakonisch und dann wiederum in Detailversessenheit versunken, jedoch immer dazu geeignet, das man dieses kleine Buch nur unschwer aus der Hand legen mag.

Axel Vits, Der andere Buchladen, Köln