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Autor
Hütten, Felix

Sterben lernen

Untertitel
Das Buch für den Abschied
Beschreibung

Tut das Sterben nach einer langen Krankheit weh? Wie kümmert man sich um Sterbende in ihren letzten Stunden? Was für Dokumente sollte jeder seinen Angehörigen zuliebe ausfüllen? Menschlich, lebhaft und unverkrampft gibt der junge Medizinjournalist Felix Hütten Antworten auf die unzähligen Fragen zum Sterben, über die wir alle viel zu selten sprechen. Von medizinischen Details über Ratschläge für den Umgang mit Ärzten oder die schwierige Frage nach dem Abstellen der Maschinen bis hin zur Trauer danach: Ohne falsche Tabus erzählt dieses alle angehende Buch vom Sterben, das zu jedem Leben dazugehört.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Hanser Verlag, 2019
Format
Gebunden
Seiten
256 Seiten
ISBN/EAN
978-3-446-26025-2
Preis
20,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Felix Hütten, geboren 1987, ist Redakteur im Wissensressort der Süddeutschen Zeitung. Er hat in Dresden, Berlin und Lyon Medizin und Politikwissenschaft studiert. Im Anschluss folgte die Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München. Er lebt in München.

Zum Buch:

Als ich das Buch Sterben lernen erstmals in den Händen hatte, blieb ich mit einem Stirnrunzeln am Alter des Autors hängen: Felix Hütten ist 1987 geboren. Möchte ich mir von einem Wissenschaftsjournalisten Anfang dreißig das Sterben erklären lassen? Was befähigt diesen Menschen, über dieses doch ziemlich schwerwiegende Thema zu schreiben, das noch so weit von ihm selbst entfernt scheint? Und da haben wir sie schon, einige der verbreiteten Irrtümer, die gerne mit dem Thema Tod und Sterben verknüpft werden: Gestorben wird erst in hohem Alter, das Thema Tod ist ganz weit weg, betrifft mich oder jüngere Menschen doch nicht, etc.

Mit seinem Buch will Felix Hütten vor allem eines: Dazu anregen, über Tod und Sterben nachzudenken, im besten Fall nicht allein im „stillen Kämmerlein“, sondern im Gespräch darüber, wie man sich den eigenen Tod eigentlich wünscht, mit Freunden, mit den Eltern, den Kindern. Der Tod sei ein Zustand, das Sterben ein Prozess, betont Hütten, wobei es außerordentlich schwer festzulegen sei, wann dieser Prozess eigentlich beginnt. Wie krank oder alt muss ein Mensch tatsächlich sein, um anzufangen, das eigene Sterben aktiv zu planen und mitzugestalten?

Die einzelnen Kapitel tragen Titel wie „Palliativmedizin – was ist das?“, „‘Richtig‘ sterben. Geht das überhaupt?“ oder „Überversorgung am Lebensende“. Der Autor liefert handfeste, detaillierte Vorschläge, wer welche Entscheidungen über Behandlungen fällen sollte, klärt auf über die Möglichkeiten von Rettungsdiensten, Krankenhäusern, Pflegeheimen, Palliativstationen und Hospizen und fordert uns immer wieder dazu auf, die medizinischen Maßnahmen, die zu welchem Zeitpunkt sinnvoll sind, wenn das Lebensende sich nähert, zu hinterfragen. Drei konkrete Patienten tauchen an unterschiedlichen Stellen des Buchs immer wieder auf und stehen mit ihrer jeweils individuellen Geschichte stellvertretend für unterschiedliche Wege und Persönlichkeiten in Sterbeprozessen.

Im Abschnitt über das sogenannte „Total-Pain-Modell“ wird deutlich, dass die Angst vor dem Sterben alle Ebenen des Menschseins umfasst. Die Unterteilung in eine körperliche, eine psychische, eine soziale und eine spirituelle Ebene ermöglicht einen differenzierteren Blick auf Ängste am Lebensende. Verpasste Chancen im Leben, im Raum stehende Konflikte mit einem Freund, Sorge um den Verbleib von Familienmitgliedern nach dem eigenen Tod, Angst vor Atemnot und Schmerzen ganz am Ende, all das kann – wenn es unausgesprochen bleibt – das Sterben unnötig erschweren.

Dass Felix Hütten für sein mit vielen Quellennachweisen versehenes Buch das manchmal etwas flapsig wirkende „Du“ gewählt hat, wenn er seine Leser*innen anspricht, habe ich stellenweise als etwas unpassend empfunden. Andererseits unterstreicht das persönliche „Du“ immer wieder, dass diese oft unangenehmen oder beklemmenden Details über das Sterben eben etwas extrem Persönliches sind und wir vermutlich gut daran tun, das Thema näher an uns heranzulassen.

Auch wenn man sich selbst aus Interesse oder gegebenem Anlass schon mit dem Sterben befasst hat, liefert das hier empfohlene Buch viel zusätzliches Wissen, das über den immer wieder gemiedenen Themenbereich Tod und Sterben einen recht umfassenden Überblick verschafft, Vorurteile ausräumt und dunkle Ecken ausleuchtet. Apropos, haben Sie eigentlich schon eine Patientenverfügung verfasst oder wollten Sie es schon immer tun, es gab aber gerade Wichtigeres zu erledigen? Dann ist Sterben lernen vielleicht ein guter Impuls, sich doch endlich mal darum zu kümmern.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt