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Blaue Frau

Autor
Strubel, Antje Rávik

Blaue Frau

Untertitel
Roman
Beschreibung

Auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2021

Eine Frau sitzt in einem möblierten Appartement in Helsinki, das ihr vollkommen fremd ist. Das Einzige in ihrer Umgebung, zu dem sie eine Verbindung aufbauen kann, ist das Etikett der mit Schnaps gefüllten Plastikflasche im Kühlschrank. Es wird Träger zweier Verbindungen in die Vergangenheit: In die Kindheit als „letzter Teenager“ in einem kleinen Dorf in den Bergen Tschechiens und zu Leonides, ihrem Liebhaber. Von diesen Erinnerungen ist Adina spürbar durch einen Abgrund getrennt, doch was ist geschehen?

In Blaue Frau verwebt Antje Rávic Strubel nicht nur verschiedene Zeitebenen meisterhaft miteinander, sondern entwickelt auch ein Spiel zwischen privatem und politischem, subjektivem und humanistischem Sprechen, das auszuloten eine ständige Herausforderung bleibt.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
S. Fischer Verlag, 2021
Seiten
432
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-10-397101-9
Preis
24,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Antje Rávik Strubel veröffentlichte u.a. die Romane »Unter Schnee« (2001), »Fremd Gehen. Ein Nachtstück« (2002), »Tupolew 134« (2004). Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, ihr Roman »Kältere Schichten der Luft« (2007) war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und wurde mit dem Rheingau-Literatur-Preis sowie dem Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet, der Roman »Sturz der Tage in die Nacht« (2011) stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Antje Rávik Strubel wurde mit einem Stipendium in die Villa Aurora in Los Angeles eingeladen sowie als Writer in residence 2012 an das Helsinki Collegium for Advanced Studies. 2019 erhielt sie den Preis der Literaturhäuser. Sie übersetzt aus dem Englischen und Schwedischen u.a. Joan Didion, Lena Andersson, Lucia Berlin und Virginia Woolf. Zuletzt erschien 2016 der Episodenroman »In den Wäldern des menschlichen Herzens«. Antje Rávik Strubel lebt in Potsdam.

Zum Buch:

Eine Frau sitzt in einem möblierten Appartement in Helsinki, das ihr vollkommen fremd ist. Das Einzige in ihrer Umgebung, zu dem sie eine Verbindung aufbauen kann, ist das Etikett der mit Schnaps gefüllten Plastikflasche im Kühlschrank. Es wird Träger zweier Verbindungen in die Vergangenheit: In die Kindheit als „letzter Teenager“ in einem kleinen Dorf in den Bergen Tschechiens und zu Leonides, ihrem Liebhaber. Während Adina in ihren Gedanken diese Erinnerungen aufruft, nicht zuletzt, um die beklemmende Gegenwart auszublenden, hat sie sich in Wirklichkeit von beiden selbst gelöst. Dem Dorf ihrer Kindheit, in dem sie Glühwein an westeuropäische Skitouristen verkaufte, hat sie den Rücken gekehrt, um in Berlin zu studieren. Was dann geschehen ist, erfahren wir als Leser lange nicht, und doch lässt Strubels verschachtelte Erzählweise uns von Anfang an spüren, dass zwischen den Erinnerungen Adinas und ihrer Gegenwart ein Abgrund klafft. Warum musste sie Leonides verlassen? Warum wohnt sie anonym?

Zu den größten Stärken von Strubels Schreiben im Allgemeinen und diesem Roman im Besonderen gehört das Verweben unterschiedlicher Zeitebenen. Es gelingt ihr, die Gegenwart der Protagonistin an einigen Stellen so durchsichtig zu machen, dass dahinter ihre Geschichte und die Erlebnisse der letzten Jahre sichtbar werden können. Dabei begleiten einen als Leserin zwar konstant Fragen nach dem Geschehenen, aber durch die geschickte Dramaturgie verliert man zu keiner Zeit die Orientierung. Gegenwart und Vergangenheit bildet ein nahezu organisches Wechselbild.

Die Hauptthemen des Buches sind dabei so deutlich herausgearbeitet, dass sie mitunter fast programmatisch wirken: die Fetischisierung und gleichzeitige Abgrenzung des europäischen Nordostens, die damit einhergehende und darüber hinausgehende Macht des Sprechens. Dass eine so deutlich herausgearbeitete Thematisierung nicht störend wirkt, verdankt sich der deutlichen Subjektivierung, der persönlichen Brechung, die das Thema in den Charakteren des Romans erfährt. Am deutlichsten geschieht das meiner Meinung nach durch Leonides. Adinas Liebhaber ist ein estnischer Abgeordneter des europäischen Parlaments und Politikprofessor in Helsinki. Seine politische Haltung und sein Engagement werden von ihm überdeutlich artikuliert, die Ausdrucksweise des Parlaments findet fast ungehindert Eingang in den Roman, und gerade darin wird er als Figur so glaubhaft wie löchrig. Die großen Worte des humanistischen Politikers gehen, ohne dabei hohl oder verlogen zu sein (was nicht heißt, dass man seiner Meinung zustimmen muss) immer deutlicher an der Realität vorbei, bis die sie schließlich mit einer deutlich wahrnehmbaren Erschütterung einholt. Deswegen lässt sich der Roman als ein Abwägen des prosaischen, subjektiven Erzählens gegen den politischen Kampf um die Stimme lesen. Schließlich geht es am Ende auch um die Frage, ob es Adina gelingen wird, sich öffentlich und vor Gericht Gehör zu verschaffen, um zu erzählen, was ihr geschehen ist. Oder führt ihr Weg weg von gesellschaftlicher Gerechtigkeit zu persönlicher Vergeltung?

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co., Frankfurt