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Wolfszeit

Autor
Jähner, Harald

Wolfszeit

Untertitel
Deutschland und die Deutschen 1945 - 1955
Beschreibung

Nominiert für den Leipziger Buchpreis 2019 Sparte Sachbuch

Harald Jähners große Mentalitätsgeschichte der Nachkriegszeit zeigt die Deutschen in ihrer ganzen Vielfalt: etwa den „Umerzieher“ Alfred Döblin, der das Vertrauen seiner Landsleute zu gewinnen suchte, oder Beate Uhse, die mit ihrem „Versandgeschäft für Ehehygiene“ alle Vorstellungen von Sittlichkeit infrage stellte; aber auch die namenlosen Schwarzmarkthändler, in den Taschen die mythisch aufgeladenen Lucky Strikes, oder die stilsicheren Hausfrauen am nicht weniger symbolhaften Nierentisch der anbrechenden Fünfziger, Baustein einer freieren Welt, die man sich bald würde leisten können. Das gesellschaftliche Panorama eines Jahrzehnts, das entscheidend war für die Deutschen und in vielem ganz anders, als wir oft glauben.
(Klappentext)

Verlag
Rowohlt Berlin, 2019
Seiten
480
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-7371-0013-7
Preis
26,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Harald Jähner, Jahrgang 1953, war bis 2015 Feuilletonchef der «Berliner Zeitung», der er seit 1997 angehörte. Zuvor war er freier Mitarbeiter im Literaturressort der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Seit 2011 ist er Honorarprofessor für Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin.

Zum Buch:

Der zweite Weltkrieg ist zu Ende, Deutschland hat kapituliert. Die Siegermächte sind in ein Land einmarschiert, das sich im völligen Verfall befindet. Der Zerstörung von Häusern, Fabriken, Infrastruktur und Versorgung entspricht die Zerstörung der gesellschaftlichen Strukturen. In diesem Chaos scheint jeder in Bewegung zu sein. Flüchtlinge und Vertriebene strömen von Ost nach West, Evakuierte suchen den Weg nach Hause. Wer das KZ oder Versteck überlebt hat, weiß nicht, wohin und landet als „Displaced Person“ erneut im Lager. Was jetzt zählt, ist „Durchkommen“. Das alte Regime ist zwar zerschlagen, doch weder den Siegern noch der besiegten Bevölkerung ist klar, was nun kommen soll. Der äußeren Orientierungslosigkeit entspricht die innere.

„Stunde Null“, „Wiederaufbau“, „Flüchtlinge“, „Heimkehrer“, „Besatzer“, „Ost-West-Konflikt“, „Die Fünfziger“ sind wohl die häufigsten Begriffe, mit denen der Zeitabschnitt von 1945–1955 charakterisiert wird und deren Inhalt man zu kennen glaubt. Dem Literaturwissenschaftler, Historiker und langjährigen Feuilletonchef der Berliner Zeitung, Harald Jähner, ist es mit Wolfszeit gelungen, eine umfassende Mentalitäts- und Kulturgeschichte dieses Zeitabschnitts zu schreiben, die, randvoll mit Informationen, dem bereits Bekannten so viel hinzufügt, dass man diese Jahre noch einmal völlig neu betrachtet.

In zehn Kapiteln, von „Stunde Null?“ bis “Der Klang der Verdrängung“ beschreibt Jähner den Weg Nachkriegsdeutschlands vom Chaos in die Demokratie in all seiner Widersprüchlichkeit. Jedes Kapitel beleuchtet einen anderen Aspekt im gesellschaftlichen Wandel der ersten zehn Nachkriegsjahre. Die Qualität des Buches liegt nicht nur darin, die schiere Menge des Materials übersichtlich und unterhaltsam aufbereitet zu haben, spannender noch ist, wie Jähner vielem einen neuen Blick abgewinnt, der zu überraschenden Schlussfolgerungen führt.

Ein Beispiel aus dem Kapitel „Rauben, Rationieren, Schwarzhandeln – Lektionen für die Marktwirtschaft“ zeigt, wie moralische Grundsätze flexibel an die jeweiligen Umstände angepasst werden. Da die auf Marken zugeteilten Lebensmittelrationen zum Überleben nicht reichen, versucht die Bevölkerung, selbst für die Beschaffung der nötigen Nahrungsmittel, Kleider und Kohlen zu sorgen. Bei dem, was beschönigend „organisieren“, „hamstern“ oder „fringsen“ genannt wurde, erwiesen sich die Deutschen als ziemlich erfinderisch, behielten aber durchaus das Gefühl, eigentlich „anständige Menschen“ zu sein. Den „reichen“ Bauern die Kartoffeln vom Acker zu klauen ist legitim, die gehamsterten Lebensmittel von anderen wieder abgenommen zu bekommen, ist Diebstahl. Im Privaten wie in der Öffentlichkeit wurde darüber debattiert, wie verwerflich solches Handeln war und wie „tief“ man gesunken sei. Das Verblüffende aber – und das zu zeigen gelingt Jähner bei vielen Themen, die er behandelt – ist ein Paradoxon: „… blickt (man) aus historischem Abstand auf die Debatte über die Kriminalität des Durchschnittsbürgers, kann sie einem kaum anders als absurd vorkommen. In den Augen der Welt hatten sich ‚die Deutschen’ durch Kriegsverbrechern und Völkermord längst zu Tätern gemacht. … Im Inland war auch den NS-Gegnern, die sich für das Regime geschämt hatten, nicht deutlich, wie tief sie in den Augen der Welt gefallen waren.“

Harald Jähner entfaltet mit Wolfszeit das Panorama einer Welt, in der alles aus den Fugen geraten war, zeigt aber auch, welche Möglichkeiten zur Veränderung für den einzelnen wie für die ganze Gesellschaft es gab und wie viele der damaligen Weichenstellungen ihre Wirkung bis heute entfalten. Das Buch ist mitreißend lebendig erzählt und jedem zeitgeschichtlich Interessierten – gleich welcher Generation – zu empfehlen. Den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Sachbuch hat Wolfszeit völlig zu Recht erhalten.

Ruth Roebke, Bochum