Zum Buch:
Für Shakespeares Schwestern hat Ramie Targoff vier unbekannte adlige Frauen der Shakespearezeit ausgewählt, deren Werke völlig vergessen waren, weil sie unter anderem Namen erschienen waren oder als minderwertig angesehen und nie weiterverbreitet wurden. Erst in den 1990er Jahren wurden vereinzelt Texte von ihnen wieder veröffentlicht. Inzwischen hat sich die Feministische Forschung des Themas angenommen, aber Targoffs Anliegen mit diesem Buch ist es, es auch außerhalb des universitären Bereiches bekannt zu machen.
Die vier schreibenden Frauen, Mary Sidney (1561-1621), Aemilia Lanyer (1569-1645), Elizabeth Carry (1585 oder 86-1639) und Anne Clifford (1590-1676), wurden alle während der Regierungszeit Elizabeth I. geboren, gehörten zum Adel und waren auf unterschiedliche Weise mit dem Hof verbunden. Selbstverständlich waren sie keine „professionellen“ Autoren wie Marlowe, Spenser oder Shakespeare, aber den Vergleich mit berühmten schreibenden Männern ihrer Gesellschaftsschicht brauchen sie keinesfalls zu scheuen.
Ramie Targoff hat eine Fülle von Material über Leben und Werk ihrer vier Protagonistinnen zusammengestellt, deren Wirken hier nur kurz zusammengefasst werden kann. So übersetzten sie Bibeltexte ins Englische, übertrugen Psalmen in höchst kunstvolle englische Versformen, schrieben ausführliche Tagebücher und verfassten Gedichte sowie Theaterstücke. In diesen Dramen wurde die Rolle der Frauen am Geschehen hervorgehoben oder die provozierende Frage nach der Ungleichbehandlung von Mann und Frau gestellt, da Gott doch alle Menschen gleich geschaffen habe. Die Frauen gingen durchaus das Risiko ein, sich dadurch mit der Kirche anzulegen oder in Konflikte mit ihren Männern zu geraten. Auch in ihrem alltäglichen Leben bewiesen sie einen gehörigen Kampfgeist, führten Prozesse oder konvertierten gegen den Willen ihres Umfelds, obgleich die herrschenden Gesetze sie in eine rechtlose Position zwangen. Sie fanden Mittel und Wege, sich ihre Freiheit zu sichern – Schreiben war eine davon.
Aber es geht in Shakespeares Schwestern nicht nur um die literarischen Werke der Frauen. Der Text geht weit darüber hinaus und bietet einen umfassenden Blick darauf „was es in Shakespeares England hieß, eine Frau [des Adels] zu sein“. Die Autorin schreibt über die zumeist mangelhafte Bildung von Mädchen. Wurden sie verheiratet, gingen sie vom Eigentum des Vaters in das des Ehemannes über. Sollten die Frauen ein Vermögen in die Ehe eingebracht haben, ging es sofort in das Eigentum des Mannes über. Oft genug wurde es vom Ehemann verprasst, verspielt, mit dessen Liebschaften männlicher und weiblicher Art durchgebracht oder schmolz durch das aufwendige Leben am Hofe dahin. Wurden sie Witwe, war es zwar vorgesehen, aber durchaus nicht sicher, dass ihr vereinbartes „Wittum“ für ein standesgemäßes Leben ausreichte. Zudem ging der Landbesitz, an den der Titel geknüpft war, nur an männliche Erben – etwas, womit später selbst noch Vita Sackville-West konfrontiert war, als sie Schloss Knole, in dem sie aufgewachsen war, nicht behalten konnte.
Shakespeares Schwestern ist prallvoll mit Namen, Fakten und Daten, aber auch – und das ist das wichtigste – mit lebendig erzählter Geschichte und mit Geschichten rund um das Leben der vier Protagonistinnen. Das macht selbst die Interpretationen der Textstellen oder das akribische Aufzählen der Kosten einer standesgemäßen Hofhaltung zu einer lustvollen und spannenden Lektüre – und man weiß am Ende des Buches unglaublich viel mehr über eine Zeit und eine Gesellschaftsschicht, die doch sehr fern ist.
Ruth Roebke, Frankfurt a. M.