Zum Buch:
Anhand von sechs Tagen, die sich über sechs Dekaden verteilen, erzählt die britische Autorin Megan Hunter in ihrem neuen Roman Tage des Lichts ein ganzes Leben. Im Zentrum steht die zu Beginn neunzehnjährige Ivy, am Ende des Buches wird sie achtzig Jahre alt sein. Sie wächst nahe bei London in einer freigeistigen Umgebung auf dem Land auf. Ihre Mutter Marina und ihr homosexueller Stiefvater Angus sind beide erfolgreiche Maler und führen ein offenes Haus, auch der nähere Freundes- und Verwandtenkreis besteht aus Künstlern und Schriftstellern. Ivys vergötterter Bruder Joseph studiert in Oxford und hat eine große Karriere vor sich. Nur sie selbst fällt aus der Rolle: Wer sie ist und worin ihre Berufung liegen könnte, hat sie bisher nicht herausfinden können. Sie treibt durch die Tage, dilettiert auf allen möglichen künstlerischen Feldern und einzig Bear, Angus’ früherer Liebhaber, scheint ernsthaft Notiz von ihr zu nehmen und übt eine seltsame Faszination auf sie aus.
Zu Beginn des Buches, Ostern 1938, hat sich die Familie und der Freundeskreis in Cressingdon zum Mittagessen versammelt. Man wartet mit Spannung auf Josephs neue Liebe Francis, die sich verspätet. Als sie zu Josephs Erleichterung am Gartentor erscheint, fühlt Ivy sich sofort zu ihr hingezogen. Später am Abend folgen Joseph und Ivy einem alten Geschwisterritual und gehen im Fluss schwimmen. Über dem eiskalten Wasser sieht Ivy ein seltsames Licht, das sie blendet und fasziniert und zu dem sie gebannt hinschwimmt. Kurz danach geschieht ein Unglück. Schien die Zukunft für Ivy zuvor wie ein Versprechen, zu dem sie nur noch keinen Weg gefunden hatte, wird sie die Erinnerung daran ihr Leben lang begleiten und alles verändern. Sie sucht ihr Heil in einem gänzlich unspektakulären Frauenleben, heiratet und bekommt zwei Töchter. Alles geht einen ruhigen Gang – bis sie erneut auf Francis trifft und spürt, wie leer ihr Leben seither war.
Die Entscheidung der Autorin, die gesamte Handlung des Romans jeweils gebündelt an einem Tag im April zu erzählen, erlaubt ihr, die Wendepunkte in Ivys äußerlich konventionell verlaufendem Leben in den Mittelpunkt zu stellen. Man sollte sich vom Titel des Romans nicht täuschen lassen, denn Licht bedeutet hier nicht nur Heiterkeit. Das Licht, dem Ivy beim Bad in der Osternacht folgt, bleibt irritierend und verstörend in ihr zurück. Gleichzeitig fühlt sie eine seltsame Sehnsucht nach der Intensität, die sie damals verspürte, und sie fragt sich, ob diese Anziehung nicht ein Zeichen war – nur wofür?
Hunter hat die Gabe, atmosphärisch dicht und sinnlich zu erzählen. Das Buch beginnt in einer fröhlichen Stimmung. Die Welt der Künstler und Literaten, allesamt eigenwillige Charaktere, die einen nonkonformistischen Lebensstil pflegen – hier stand der Bloomsbury-Kreis Pate –, weicht in den folgenden Abschnitten jedoch einer sanften Melancholie. Ivy wird nie aufhören, darum zu kämpfen, sich endlich als ein vollständiger Mensch zu fühlen. Dabei trifft sie immer wieder überraschende Entscheidungen. Was lange Zeit orientierungslos wirkt, führt letztlich zu einem erstaunlichen Ziel. Eine Besprechung im Guardian vergleicht Megan Hunters Buch mit den „zerbrochenen englischen Idyllen von Romanen wie Ian McEwans Abbitte oder Graham Swifts Ein Festtag.“ Liebhaber dieser Werke werden an der Lektüre von Tage des Lichts sicher ihre Freude haben – empfehlenswert ist die Lektüre aber auch über diesen Leserkreis hinaus.
Ruth Roebke, Frankfurt a. M.