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Autor
Smith, Stevie

Roman auf gelbem Papier

Untertitel
Aus dem Englischen von Christian Lux
Beschreibung

„Wenn ich dieses Buch beginne, (…) dann möchte ich sagen: Lebt wohl denn, meine Freunde, meine wunderschönen, lieben Freunde. Und warum das? Lies weiter, lieber Leser, lies weiter und finde es selbst heraus“. Mit diesem bemerkenswerten Anfang schickt uns die Ich-Erzählerin mit dem erstaunlichen Namen Pompey Casmilus auf die Reise durch ihren Bewusstseinsstrom, eine Reise, die, worauf sie warnend hinweist, nur für Menschen „ohne Bodenhaftung“ geeignet ist. Und knapp 250 Seiten später steht fest: Viele Freunde dürften Pompey nach diesem Buch kaum geblieben sein und die ziemlich seekranken und heftig durchgerüttelten „lieben Leser“ jegliche Bodenhaftung, falls sie denn je eine hatten, längst verloren haben.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
marix Verlag, 2018
Format
Gebunden
Seiten
296 Seiten
ISBN/EAN
978-3-7374-1098-4
Preis
20,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Stevie Smith (1902–1971), eigentlich Florence Margaret Smith, wuchs in London auf und arbeitete als Privatsekretärin zweier Zeitschriftenverleger. 1936 veröffentlichte sie ihren Debütroman Novel On Yellow Paper, der ein Erfolg wurde. Es folgten diverse Gedichtbände, die ihr einzigartiges lyrisches Talent offenbaren, und die zwei weiteren Romane Over the Frontier und The Holiday. Sie wurde mit dem Cholmondeley Award for Poetry und 1969 mit der Queen’s Gold Medal for Poetry ausgezeichnet.

Zum Buch:

„Wenn ich dieses Buch beginne, (…) dann möchte ich sagen: Lebt wohl denn, meine Freunde, meine wunderschönen, lieben Freunde. Und warum das? Lies weiter, lieber Leser, lies weiter und finde es selbst heraus“. Mit diesem bemerkenswerten Anfang schickt uns die Ich-Erzählerin mit dem erstaunlichen Namen Pompey Casmilus auf die Reise durch ihren Bewusstseinsstrom, eine Reise, die, worauf sie warnend hinweist, nur für Menschen „ohne Bodenhaftung“ geeignet ist. Und knapp 250 Seiten später steht fest: Viele Freunde dürften Pompey nach diesem Buch kaum geblieben sein und die ziemlich seekranken und heftig durchgerüttelten „lieben Leser“ jegliche Bodenhaftung, falls sie denn je eine hatten, längst verloren haben.

Denn die Autorin lässt ihre Protagonistin Pompey, Privatsekretärin des Leiters eines Medienunternehmens, in langen Assoziationsketten, wilden Sprüngen und verblüffenden Orts- und Zeitwechseln ihre Kollegen, Freunde, Liebhaber und sich selbst förmlich sezieren und dabei scharfsichtig und genau auf ihre Zeit und die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse blicken. Sie macht sich mit grandioser Frechheit über die Rollenerwartungen lustig, ob von Frauen oder von Männern, thematisiert Familiengeschichte, gute und böse Tanten, amüsiert sich über die Leserinnen der Frauenzeitschriften, die jede Werbung glauben, erwischt sich erstaunt bei eigenen Ressentiments und Vorurteilen, schwärmt vom Sex und verabscheut die Ehe, versöhnt sich mit dem Tod wie mit dem Leben. Das alles in der Manier der damals (der Roman ist 1936 erstmals erschien) neuen Stream-of-consciousness-Literatur, die sie einerseits gekonnt auf die Spitze treibt und andererseits durch ihr Setting auch wieder parodiert. Pompey flaniert durch die Welt und durch ihr Leben, wach, neugierig, ohne Scheuklappen und ohne Illusionen. Das lässt sich unmöglich nacherzählen, nur selbst lesen – ganz nach dem Motto: „Lies weiter, und finde es selbst heraus“.

Einen gewissen Halt in diesem überschäumenden Bewusstseinsstrom bietet die immer wieder aufscheinende politische Grundierung. Gleich zu Anfang erzählt Pompey von ihrem Überlegenheitsgefühl in der Gesellschaft jüdischer Freunde, wo sie sich erleichtert und ziemlich überheblich als „Goj“ empfindet, ein Gefühl, dass ihr bei einem Besuch in Deutschland angesichts des dort wütenden Antisemitismus nachträglich großen Schrecken einjagt. Die Krankheit ihrer Zeit, so diagnostiziert sie scharfsichtig, heiße „Diktatur“, und sie kritisiert die englische Appeasement-Politik der dreißiger Jahre immer wieder mit ungewöhnlicher Heftigkeit.

Roman auf gelbem Papier ist – jedenfalls für abenteuerlustige LeserInnen ohne allzu starke Bodenhaftung – eine so erstaunliche wie erheiternde und nachdenklich machende Lektüre und bietet dazu die Gelegenheit, eine hierzulande zu Unrecht völlig unbekannte, äußerst exzentrische Autorin zu entdecken, die sich im englischen Sprachraum vor allem als Lyrikerin einen Namen gemacht hat. Bleibt zu hoffen, dass jetzt auch ihre Gedichte bald übersetzt werden.

Irmgard Hölscher, Frankfurt a. M.