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Autor
Denemarková, Radka

Ein Beitrag zur Geschichte der Freude

Untertitel
Roman. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová
Beschreibung

„Nur eine Vergewaltigung“ heißt es in Berichten über Vergewaltigungen im Krieg. Dieses „nur“ gab den Anlass für Ingrid, dafür zu kämpfen, dass Vergewaltigungen als Kriegsverbrechen anerkannt werden. Nach ihrem Selbstmord führen drei alte Damen ihre Arbeit gegen das Ignorieren und in manchen Fällen sogar Tolerieren von Vergewaltigungen fort, indem sie in einem Haus in Prag ungesühnte Vergewaltigungen dokumentieren und weitere zu verhindern suchen. Der neue Roman von Radka Denemarková findet mit dem verwunschenen Haus, in dem sich das Archiv befindet, und seinen drei hexenhaften Bewohnerinnen interessante Bilder für Tabuisierung, Mystifizierung und Bagatellisierung von Gewalt gegen Frauen, den Gedanken der Selbstjustiz und die Hoffnung auf mehr Solidarität zwischen Frauen.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Hoffmann und Campe, 2019
Format
Gebunden
Seiten
336 Seiten
ISBN/EAN
978-3-455-00511-0
Preis
24,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Radka Denemarková, geboren 1968, ist eine tschechische Autorin, Dramatikerin, Drehbuchautorin, Essayistin und Übersetzerin deutscher Literatur und lehrt Creative Writing. Als einzige tschechische Autorin ist sie dreifache Preisträgerin des Magnesia Litera Preises (in den Kategorien Prosa, Sachbuch und Übersetzung). Ihre Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. 2017 war sie Stadtschreiberin von Graz. Für ihren Roman Ein Beitrag zur Geschichte der Freude (Hoffmann und Campe, 2019) wurde sie mit dem Spycher: Literaturpreis Leuk 2019 ausgezeichnet.

Zum Buch:

„Nur eine Vergewaltigung“ heißt es in Berichten über Vergewaltigungen im Krieg. Dieses „nur“ gab den Anlass für Ingrid, dafür zu kämpfen, dass Vergewaltigungen als Kriegsverbrechen anerkannt werden. Nach ihrem Selbstmord führen drei alte Damen ihre Arbeit gegen das Ignorieren und in manchen Fällen sogar Tolerieren von Vergewaltigungen fort, indem sie in einem Haus in Prag ungesühnte Vergewaltigungen dokumentieren und weitere zu verhindern suchen. Der neue Roman von Radka Denemarková findet mit dem verwunschenen Haus, in dem sich das Archiv befindet, und seinen drei hexenhaften Bewohnerinnen interessante Bilder für Tabuisierung, Mystifizierung und Bagatellisierung von Gewalt gegen Frauen, den Gedanken der Selbstjustiz und die Hoffnung auf mehr Solidarität zwischen Frauen.

Bei den Ermittlungen zum Tod eines reichen Geschäftsmanns gerät der namenlose Ermittler auf die Spur eines geheimnisvollen Hauses in Prag. Das Haus gehört drei alten Frauen, die dort über Jahre ein Archiv angelegt haben. In diesem Archiv sind Fälle ungesühnter Vergewaltigungen dokumentiert. Fast vergisst der Ermittler seinen Fall, als er während der Abwesenheit der Bewohnerinnen immer wieder in das Haus eindringt und sich beinahe ganz in dem Archiv verliert. Parallel dazu entwickelt sich eine erotische Liebesgeschichte zwischen dem Ermittler und der Witwe des Geschäftsmannes, die vor dem Hintergrund seiner Beschäftigung mit dem Archiv zu sexueller Gewalt eine ungewöhnliche Dynamik erhält.

Nach und nach taucht der Ermittler ein in die Welt von Birgit, Diana und Erika und erfährt, dass sie das Erbe von Ingrid weiterführen, die nach dem Zweiten Weltkrieg dafür kämpfte, dass Vergewaltigung als Kriegsverbrechen und nicht als normale Begleiterscheinung des Ausnahmezustands Krieg betrachtet wurden. Aber die drei Damen belassen es nicht bei der Archivierung von Fällen sexueller Gewalt gegen Frauen; sie greifen auch aktiv ein und wollen nicht nur Vergewaltigungen verhindern und vergewaltigte Frauen bei Abtreibungen unterstützen, sondern auch die Körper misshandelter Frauen heilen, damit sie ihre Traumata nicht über ihr Körpergedächtnis in das Umfeld und die nächste Frauengeneration weitertragen. Birgit leitet dazu Kurse für kreatives Schreiben, Diana Yogakurse und Erika sammelt und dokumentiert Informationen. Aber geht, wie der Ermittler vermutet, ihr Eingreifen darüber hinaus? Haben sie etwas mit dem vermeintlichen Selbstmord des Geschäftsmanns zu tun?

Den Roman durchzieht das Motiv der Vögel. Immer wieder gehen Sätze übergangslos in ornithologische Beschreibungen über. Interessanterweise wirken diese Beschreibungen im Verhältnis zur Geschichte nicht isoliert und montiert; sie tragen vielmehr auf ihre Weise zur Erzählung bei. Die drei Frauen werden als Schwalben figuriert, andere Vögel treten auf, verwandeln sich und gehen ineinander über. Diese Bilder gehen eine produktive Verbindung mit der Erzählung ein, die sich der Muster des Kriminalromans bedient. Das alles macht aus Denemarkovás Roman ein interessantes Formexperiment, das die verstörenden Inhalte nicht verschwinden, sondern klarer hervortreten lässt.

Alena Heinritz, Bonn