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Gender Punks

Autor
Schrapnell, Kuku

Gender Punks

Untertitel
Über trans Pionier*innen und die Kunst, widerständig zu leben
Beschreibung

Kuku Schrappnell erzählt vom 17. Jahrhundert bis heute die Geschichte mehrheitlich vergessener trans Personen.
Geschichte und Vergangenheit sind umkämpfte Orte. Kuku Schrappnells Suche in Archiven zeigt auf, wo die Geschichte(n) von trans Menschen verborgen und versteckt wurden, wo sie vernichtet und umgedeutet worden sind. Schrapnell findet die Geschichten vor allem an Orten gewaltvoller Dokumentation: In Arzt- und Gerichtsakten. Daraus entsteht aber eine lustvolle Fabulation, ein freudvolles und phantasiereiches Erzählen, das die Grenzen einer normativen Wahrheit oft sprengt.

(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Verbrecher Verlag, 2026
Seiten
128
Format
Broschur
ISBN/EAN
978-3-95732-647-8
Preis
16,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Kuku Schrapnell wurde 1991 geboren und lebt und arbeitet in Leipzig, studierte Sozialwissenschaften, Philosophie und Erziehungswissenschaften im Osten. Kuku Schrapnell arbeitet als Speaker*in und leitet Workshops in Berlin und darüber hinaus. Kuku veröffentlichte in analyse & kritik, Jungle World und Missy Magazine und arbeitet zu Queerer Geschichte, Trans- und Geschlechter politiken.

Zum Buch:

Geschichte und Vergangenheit sind umkämpfte Orte. Kuku Schrappnells Suche in Archiven zeigt auf, wo die Geschichte(n) von trans Menschen verborgen und versteckt wurden, wo sie vernichtet und umgedeutet worden sind. Schrapnell findet die Geschichten vor allem an Orten gewaltvoller Dokumentation: In Arzt- und Gerichtsakten. Daraus entsteht aber eine lustvolle Fabulation, ein freudvolles und phantasiereiches Erzählen, das die Grenzen einer normativen Wahrheit oft sprengt.

Kuku Schrappnell erzählt vom 17. Jahrhundert bis heute die Geschichte mehrheitlich vergessener trans Personen. Schrapnell beginnt mit dem Leben einer Person, die laut Wikipedia eine „als Mann verkleidete Frau“ war – Schrappnell erzählt hingegen ganz selbstverständlich von Anastasius Lagrantinus Rosenstengels’ abenteuerlichem Leben als trans Mann. Das Buch endet mit den Geschichten, die wir heute noch kennen – von Stonewall und seinen trans Protagonist*innen, dem Bilden von Banden und Wahlfamilien, dem Widerstand gegen die Staatgewalt und der Zärtlichkeit trotz alledem. Dabei zieht Schrappnell eine Verbindung zwischen all diesen unterschiedlichen Figuren, zwischen denen, für die zu ihren Lebzeiten ‘trans’ noch gar kein Begriff war, und denen, für die sich im Begriff Trans mehr als eine geschlechtliche Identität versammelt unter ihrem Begehren, sich aus dem Korsett geschlechtlicher Normen zu befreien.

Die Produktion von Geschichte ist nicht neutral – das haben in letzter Zeit vor allem die Historiker*innen begreiflich gemacht, die sich mit der Geschichte marginalisierter Personen und Gruppen auseinandergesetzt haben. Wie wird Wissen produziert und von wem? Indem Kuku Schrappnell die Geschichten der Personen erzählt, die zuvor hauptsächlich aus einem Standpunkt von Kriminalisierung und Pathologisierung heraus geschrieben wurden, produziert Schrappnell die Möglichkeit einer Geschichte von Transidentität, die selbstwirksam und ermächtigend ist. Schrappnell zeigt, wie sehr Geschichte der Interpretation ausgesetzt ist, wie sehr auch die Einträge in ärztliche und gerichtliche Datenbanken einer von Macht durchsetzten Geschichtserzählung unterliegen, und gibt den erzählten Personen eine neue Stimme – die eigene, mit der Schrappnell klug Fakten um ihre Fiktionierung erweitert. Welches Leben hat ein trans Mann im 17. Jahrhundert geführt? Wissen können wir es nicht, aber es uns vorstellen – und erzählen und die Wissenschaft ein bisschen ausdehnen, das kann Kuku Schrappnell sehr gut.

Die Geschichte wird verschoben, um Räume für Alternativen zu schaffen. Aber auch um die Wahrheitsproduktion von Geschichte kenntlich zu machen. Schrappnell zeigt an den Beispielen eindrücklich, dass es keine objektive Geschichtserzählung gibt, nur an ideologischen Interessen ausgerichtete Geschichtsproduktionen. Schrapnells Interesse macht deutlich: Trans Menschen haben auch eine Geschichte, und die sollte erzählt werden.
Schrapnell nimmt immer wieder die gefundenen Fakten und spielt mit ihnen, benutzt und interpretiert heutige Vokabeln, ernsthaft, aber lustvoll. Wenn Auslöschung eine Form der Gewalt ist, setzt Schrappnell mit dieser Form der Fabulation zur Gegenwehr an. Diese Gegenwehr ist heute so notwendig wie eh und je.

Paula Blömers, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt a.M.